Thu

08

May

2014

Ein letzter Nachtrag

"Huko hat eine Bekannte. Diese Bekannte arbeitet beim Film. Und weil Huko ein bisschen Werbung gemacht hat, war diese Bekannte vor kurzem im Dorf. Und so kommt es, dass Philipp, Marcel und ich im Herbst im estnischen Fernsehen zu sehen sein werden. Ich wurde unter anderem ganz exklusiv beim Tisch decken, Sauna putzen und auf dem Sofa sitzen gefilmt, man darf also gespannt sein. Ich halte euch auf dem Laufenden."


Als entgültigen Abschluss meines Blogs und dieser Seite möchte ich noch vervollständigen, wovon ich hier vor fast einem Jahr berichtet habe. Der Bericht wurde genau in der Woche ausgestrahlt, in der ich im Winter zu Besuch in Estland war, sodass ich ihn zusammen mit Marcel, der noch bis März in Estland war, und vielen anderen aus dem Dorf im Wohnzimmer im sõbra maja gucken konnte. Dann habe ich lange versucht, eine Kopie des Videos zu bekommen, damit ich deutsche Untertitel dazu erstellen kann. Nach vielen erfolglosen Anfragen bei der Regisseurin habe ich vor ein paar Wochen eine Email an den Fernsehsender ETV geschickt und nach kurzer Zeit einen Link zum Download geschickt bekommen.  Danke an etv! Hier ist jetzt also der Bericht über uns Freiwilligen in Maarja küla und über das Dorf generell, gedreht im Juni 2013. Falls die Untertitel nicht automatisch angezeigt werden, könnt ihr sie auf Youtube manuell einschalten.

Damit verabschiede ich mich entgültig von dieser Seite und wünsche euch allen viel Glück, viel Erfolg und vorallem viel Spaß bei dem, was ihr tut!

 

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Fri

23

Aug

2013

Ich bin wieder da

Eigentlich hatte ich schon viel früher vor, mich aus Deutschland zu melden. Dass ich das erst jetzt mache, hat mehrere Gründe. Erstens hat mir der Abschied echt zu schaffen gemacht. So geheult habe ich glaube ich in meinem ganzen Leben noch nicht. Zweitens musste ich mich wieder mit dem Leben in der Stadt anfreunden. Die Eindrücke in den ersten Tagen waren überwiegend negativ: Alles kam mir dreckig und laut vor; überfüllt und irgendwie eine Nummer zu groß.

 

Mittlerweile bin ich froh, wieder hier zu sein. Maarja Küla ist und bleibt mein zweites Zuhause; ich werde weiterhin über 'uns' reden, wenn es um Estland geht und auch weiterhin ungläubige Blicke ernten, wie man ein Leben im Wald vermissen kann. Ich habe gemerkt, dass es unmöglich ist, Menschen ein Land begreiflich zu machen, das sie nie mit eigenen Augen gesehen haben und dass ich niemanden mit meiner Begeisterung anstecken kann. Und dass das eigentlich völlig in Ordnung ist.
Ich bin glücklich, wieder meine Freunde um mich zu haben; zu sehen, dass sich nicht viel geändert hat und dass ich noch genauso dazugehöre wie vor einem Jahr. Es macht mir Spaß, durch die Straßen zu gehen und mich an jeder Ecke an dazugehörige Situationen zu erinnern. Ich mag das Vertraute, dieses Gefühl, wieder in 'meiner' Stadt zu sein. Und jedes Mal, wenn jemand die Zahl 'vierzig' genauso ausspricht wie ich oder eben nicht 'hierher' sagt, muss ich an unsere endlosen Dialekt-Diskussionen denken und bin froh, wieder zuhause zu sein.

 

Am Montag fängt mein 5-tägiges Rückkehrerseminar an. Von 40 Teilnehmern kenne ich 20 schon vom Vorbereitungsseminar und all diese Leute wiederzusehen wird mit Sicherheit toll. Ich freue mich darauf, in einer großen Gruppe Erfahrungen auszutauschen und zu hören, wie die anderen ihr Jahr und die Rückkehr nach Deutschland erlebt haben. Außerdem findet das Seminar zu einem sehr guten Zeitpunkt statt, es markiert quasi das Ende meiner "Sommerferien" und damit auch den Übergang zum nächsten Kapitel. Ich bin gespannt.

 

Zum Schluss möchte ich noch ein großes Danke aussprechen. An alle, die mich während dem Jahr unterstützt haben. An alle, die mir Packete und Briefe geschickt haben. An alle, die in Estland mit mir so viele verrückte Dinge erlebt haben. An alle, die während dem Jahr an mich gedacht haben. Und an alle, die meine Blogeinträge gelesen haben.

 

Aitäh.

 

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Tue

23

Jul

2013

Der Abschied steht an

In den letzten Wochen habe ich noch eine Menge gemacht... zuallererst waren wir im Urlaub, der sehr schön, aber auch sehr chaotisch und mit vielen Ausflügen ein bisschen vollgestopft war. Wir haben auf dem Gelände einer anderen Einrichtung für geistig Behinderte in der Nähe von Tallinn gezeltet und dieser Ort ist mit Maarja Küla absolut nicht vergleichbar. Überall waren Überwachungskameras, die Flure waren mit Handläufen ausgestattet und Beschäftigungsmöglichkeiten gab es kaum. In den ersten zwei Tagen hat man trotz drei Wohnhäusern keinerlei Menschen draußen rumlaufen sehen. Ein meiner Meinung nach ziemlich trostloser Ort. Im Urlaub habe ich nochmal bewusst erlebt, was für ein Glück ich habe, in Maarja Küla gelandet zu sein. Der Urlaub als eine meiner letzten Unternehmungen mit dem Dorf war sehr gelungen und hat mir gut gefallen.

Die russische Burg Iwangorod in direkter Sichtweite
Die russische Burg Iwangorod in direkter Sichtweite

Am Wochenende danach bin ich mit Marcel nach Narva getrampt, wo am Freitag seine Freundin Bettina ankam, die ihren Freiwilligendienst in Sankt Petersburg macht und in den letzten Monaten schon drei oder vier Mal in Estland war. Nach einem Besuch in der Hermannsfestung suchten wir uns einen schönen Platz am Fluss, von wo aus ich sowohl die Grenzbrücke als auch die russische Festung Ivangorod am anderen Ufer sehen konnte. Es war schwierig, sich vorzustellen, dass die Menschen, die dort auf der anderen Flussseite schwimmen gehen, nicht nur in einem anderen Land, sondern auch ausserhalb der EU sind. Wir hätten uns zwar ohne Probleme gegenseitig winken können; um sich die Hand geben zu können, wären aber viele langwierige und teure Visaanträge nötig. Ein seltsamer Gedanke.

Die Stadt an sich kam mir durch die vielen Plattenbauten sehr hässlich vor und weil ich auf der Strasse nur von russischsprechenden Menschen umgeben war, kam ich mir ein bisschen vor wie in einem anderen Land. Es war sehr deutlich, dass es all die estnischen Beschriftungen und Schilder nur gibt, weil es vorgeschrieben ist und obwohl man auch überall sonst z.B. zweisprachige Werbung sieht, war es doch in Narva nochmal etwas anderes. So habe ich mich also auf die Sprachkenntnisse der anderen verlassen und einfach an jedes Gespräch noch ein Cпаcибо (danke) drangehängt, dass einzige Wort, was ich kann.

 

Letzten Mittwoch haben wir mit einigen Bewohnern eine kleine Fahrradtour zu einem nahegelegen See gemacht, die mir aus mehreren Gründen sehr gefallen hat. Zum einen habe ich mich an vielen Stellen an die Fahrradtour letzten Sommer erinnert und musste automatisch lächeln bei dem Gedanken daran, was für Verständigungsschwierigkeiten ich damals hatte und wie selbstverständlich ich mich mittlerweile mit allen unterhalten kann. Zum anderen wurden wir auf dem Rückweg von Platzregen überrascht, der zwar sehr stark, aber nicht kalt war und den ich aus irgendeinem Grund sehr angenehm fand.

Diesen Samstag bin ich morgens um zehn nach Pärnu getrampt, um den estnischen Sport 'Kiiking' auszuprobieren, den ich spontan mit 'Extremschaukeln' übersetzen würde. Bei Wettbewerben gewinnt, wer auf der höchsten Schaukel noch einen Überschlag schafft, der Weltrekord liegt bei mehr als 7 Metern. Mein Tagesziel war also ein Campingplatz in der Nähe von Pärnu, wo man 3€ für die Benutzung einer 3,5m hohen Schaukel bezahlt. Man steht auf Brusthöhe (zumindest wenn man so klein ist wie ich), dann wird man an Händen und Füßen gesichert und los gehts. Es hat mir sehr viel Spaß gemacht, denn man kann wirklich so hoch schaukeln wie man möchte und das ist einfach ein tolles Gefühl. Einen Überschlag hätte ich gerne gemacht, jedoch geht das Ganze doch mehr auf die Beine als man denkt und so musste ich mich mit der Waagerechten zufrieden geben. Gelohnt hat es sich aber trotzdem. Nachdem ich dann also 15 Minuten auf diesem Campingplatz verbracht habe, bin ich zurückgetrampt und abends um neun wieder im Dorf angekommen. Gleichzeitig kam auch Gianluca aus Italien an, der in Tallinn seinen Freiwilligendienst macht und uns in Maarja Küla besuchen gekommen ist. Mit Marcel, Bettina und Elisabeth hatten wir dann zu fünft einen netten Abend in der Sauna und am nächsten Tag haben wir eine Wanderung durch den Wald nach Taevaskoja gemacht, uns den Garten und die Werkstätten angeguckt und uns im sõbra maja lecker bekochen lassen.

 

Soviel zu den letzten Wochen. Auf der Arbeit habe ich morgen meinen letzten Tag, den meisten Bewohnern ist mittlerweile sehr bewusst, dass ich bald nicht mehr da bin und jeden Tag höre ich von jemand anderem, wie traurig es ist, dass ich gehe. Mir selber fällt es schwer zu realisieren, dass ich schon in einer Woche wieder deutschen Boden unter den Füßen habe. Ich kann mir nicht vorstellen, wie es ist, wieder überall um mich herum Häuser zu haben, nicht mehr nach Lust und Laune im Fluss schwimmen oder im Wald spazieren zu gehen. Ich werde die Menschen und die Umgebung hier arg vermissen, das ist mir heute nochmal sehr bewusst geworden. Trotzdem freue ich mich natürlich sehr darauf, in Deutschland wieder ein neues Kapitel aufzumachen und bekannte Gesichter wiederzusehen.

 

Übermorgen fahre ich nach Viljandi, dort werde ich wohl auf eine Menge Erinnerungen von meiner Ankunft stoßen, denn seit letztem Sommer habe ich die Stadt nicht mehr gesehen. Darauf, dieses Festival, auf dem ich in meinen allerersten Tagen in Estland war, jetzt mit einem ganzen Jahr voller toller Erinnerungen und Eindrücke im Hinterkopf wieder zu besuchen, freue ich mich schon sehr. Montag ist meine offizielle Abschiedsfeier mit den Bewohnern, Dienstag die letzte Sauna, also inoffizielle Abschiedsfeier, und Mittwch geht es zurück. Man hört immer wieder, wie kurz so ein Jahr ist, aber wenn es tatsächlich vorbei ist, kann man es dann irgendwie doch nicht fassen.

 

Liebe Grüße

Anna

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Mon

01

Jul

2013

Nurnoch 30 Tage

Nach einer Menge toller Ereignisse im Juni, wie dem Besuch meiner Mutter, der Abschiedsfeier von Miklós (einem ungarischen Freiwilligen in Tallinn) und mehreren Spontanreisen per Anhalter in verschiedene Ecken des Landes, ist heute mein letzter Monat in Estland angebrochen. Die vergangenen Tage bestanden zu einem Großteil aus Vorbereitungen für den gemeinsamen Dorfurlaub, der morgen beginnt. Da wir zelten und uns selbst versorgen werden, wurden heute die Kochdienste ausgelost (zehn Personen pro Tag) und festgelegt, wer in der nächsten Woche für wen verantwortlich ist - und zwar passen bei uns die Bewohner auf die Arbeiter auf und nicht andersrum :). Außerdem wurden die Plätze in den Bussen verteilt, mehrstündige Großeinkäufe getätigt und die letzten Taschen gepackt. Morgen früh um zehn geht es dann los.

Nach dem Urlaub bin ich noch zweieinhalb Wochen auf der Arbeit, dann findet - wie letztes Jahr - das Viljandi Folk Festival statt und am 31. 07. steht dann auch schon der Abschied an.

 

Ich freue mich sowohl auf die letzten Wochen in Estland als auch auf meine Rückkehr nach Deutschland sehr und kann es vorallem kaum erwarten, euch alle wiederzusehen!

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Thu

06

Jun

2013

Gefühlsduseleien und andere Neuigkeiten

  Auch in den letzten zwei Wochen ist wieder viel passiert und ich finde es erschreckend, wie die Zeit fliegt. In 8 Wochen ist mein Jahr hier vorbei. Ich denke momentan oft an Deutschland, und meine Stimmung ändert sich täglich von "Ich will hier nie wieder weg" in "Der Flieger könnte auch gerne schon morgen gehen" und wieder zurück. Es ist ein seltsames Gefühl, dass mein Freiwilligendienst schon bald zuende ist, jetzt, wo doch gerade der Sommer kommt, wo man hier so viel machen kann und es mehr Pläne als Zeit gibt. Jetzt, wo ich doch gerade erst aus dem Winterschlaf aufgewacht bin und noch so viele Ideen hätte, was ich mit dem estnischen Sommer anfangen könnte. Und dann habe ich zwischendurch das Gefühl, mein Jahr zu wenig genutzt zu haben, zu wenig gemacht und gesehen, zu wenig gewagt zu haben. Dann allerdings erinnere ich mich wieder an all die tollen Dinge, die ich unternommen und erlebt, die ich gelernt, die ich versucht und geschafft habe. Und freue mich jetzt schon darauf, wieder zurückzukommen.

 

Damit dieser Eintrag nicht ganz ohne Neuigkeiten auskommen muss, hier noch ein paar Infos über die letzte Zeit:

 

Medien: 

  • Huko hat eine Bekannte. Diese Bekannte arbeitet beim Film. Und weil Huko ein bisschen Werbung gemacht hat, war diese Bekannte vor kurzem im Dorf. Und so kommt es, dass Philipp, Marcel und ich im Herbst im estnischen Fernsehen zu sehen sein werden. Und das für ganze 30 Minuten. Die dreiteilige Dokumentation berichtet in zwei Folgen über estnische Freiwillige im Ausland und in einer Folge über Freiwillige in Estland. Das sind wir. Ich wurde unter anderem ganz exklusiv beim Tisch decken, Sauna putzen und auf dem Sofa sitzen gefilmt, man darf also gespannt sein. Ich halte euch auf dem Laufenden.  
  • Erwähnte Bekannte von Huko hat einen Bekannten. Dieser Bekannte ist aus Deutschland und freiberuflicher Fotograf. Und weil die Bekannte ein bisschen Werbung gemacht hat, war dieser Fotograf vor kurzem im Dorf. Ich will nicht zu viel verraten, es steht nämlich noch nichts fest. Aber es wäre möglich, dass irgendwann ein Artikel über uns in einer deutschen Zeitschrift erscheint. Wir werden sehen.

Arbeit:

  •  Ich habe vor ca. einem Monat von meinem Projektgeld ein Trampolin fürs Dorf gekauft, weil ich dachte, es würde den Bewohnern gefallen. Und schon am ersten Abend war ich mir sicher, dass es sich gelohnt hat. Manche, die anfangs Angst hatten, haben sich später doch getraut, einige können sich auf eine Weise bewegen, die ihnen bisher aufgrund körperlicher Einschränkungen nicht möglich war, vorallem aber macht es Spaß und entspannt. Viele Bewohner habe ich vorher noch nie so lachen gehört wie auf dem Trampolin, und sobald jemand dort ist, kommen in kurzer Zeit Bewohner dazu, sodass man den ganzen Abend lang braucht, bis jeder mal dran war.
  • Vor ein paar Wochen haben wir mal wieder die Pläne umstrukturiert und seitdem sieht mein Arbeitsschema so aus: In die Werkstätten gehe ich garnicht mehr, stattdessen arbeite ich jetzt abwechselnd zwei Wochen im eesti maja und zwei im sõbra maja. Außerdem arbeite ich einmal in der Woche im Tartu Shop. Beides gefällt mir sehr gut, ein zweites Haus zu haben bringt etwas Abwechslung in die Arbeit und Erholung von den Bewohnern des jeweils anderen Hauses. Die Menschen im sõbra maja habe ich lieb gewonnen und genieße die Zeit dort sehr. 

 

Kulturschock mal anders:

Letzte Woche waren fünf französische Studenten für mehrere Tage im Dorf, mit denen wir sehr lustige Abende verbracht haben und die hier bestimmt eine sehr interessante Zeit hatten. Am ersten Morgen konnte man an den Gesichtern ablesen, wie gut der morgendliche Haferbrei geschmeckt hat und auch die zurückhaltende Art der Menschen hat zu Irritationen geführt. Mein Highlight zum Thema war aber definitiv der Abend in der Sauna: Weil ich mich etwas verspätet hatte, war ich die Einzige im Aufenthaltsraum. Ich zieh mich also ganz in Ruhe aus, suche mir nichtsahnend meinen Waschkram zusammen, mache splitternackt die Tür zur Dusche auf und blicke in einen Raum voller Franzosen - in Schwimmsachen. Trotz der befremdlichen Situation auf beiden Seiten war es noch ein netter Abend und ich habe wieder etwas gelernt: Es gibt Leute, die sind es nicht gewohnt, nackt und schwitzend mit anderen nackten, schwitzenden Menschen in einem kleinen Raum zusammen zu sitzen. Sachen gibts.

 

Blick auf den Fluss um 03.00Uhr nachts
Blick auf den Fluss um 03.00Uhr nachts

Jetzt zum Wetter:

- Tagsüber 20 bis 30° C

- 20 Stunden Tageslicht

- Blühende Blumen und Bäume überall

- Angenehme Wassertemperatur im Fluss nebenan

 

Ich liebe den Sommer, aber ob ihrs glaubt oder nicht, es gibt tatsächlich einen Punkt, in dem ich den Winter vermisse:

Sauna.

Sich danach bei +25° draußen hinzusetzen, wenn es noch hell ist und einen die Mücken sofort attackieren, hat einfach keinen Reiz. Zweimal in der Woche wünsche ich mir sehnlichst meine verschneiten -15° zurück, bei denen man nach der Sauna einfach in den Schnee hüpfen und sich abkühlen kann. Sauna ist was für den Winter und ohne Winter ist Sauna nur halb so schön. Aber zum Glück müssen wir auf den nächsten ja nurnoch fünf Monate warten ;).

 

Alles Liebe

Anna

 

PS.: Neue Bilder von unserem wunderbaren Sing- und Tanzfest findet ihr in der Galerie!

 

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Thu

23

May

2013

Kurzurlaub auf Saaremaa

Meine Route per Anhalter und per Bus
Meine Route per Anhalter und per Bus

Dieses Wochenende habe ich es endlich geschafft: Ich war auf einer estnischen Insel! Nach 10 Monaten wurde es ja auch mal Zeit und ich muss sagen, es hat mir super gefallen. Das lag aber nicht nur an der Landschaft und dem Wetter, sondern vorallem an den netten Leuten, die ich auf dieser Reise kennengelernt habe.

Da ich Samstagabend immernoch keine konkreten Pläne für meine freien Tage hatte, beschloss ich kurzfristig, morgens nach Kuressaare, der Hauptstadt von Saaremaa (der größten Insel Estlands) aufzubrechen. Da ich mir keine Übernachtungsmöglichkeiten organisiert hatte und das Wetter schön war, beschloss ich, einfach per Anhalter so weit zu kommen wie möglich und dann abends irgendwo am Waldrand mein Lager aufzuschlagen. Mit Zelt und Schlafsack ausgestattet machte ich mich also auf den Weg - und kam zurück, ohne eins von beidem gebraucht zu haben. Insgesamt bin ich in neun Autos mitgefahren, von denen zwei eine besondere Erwähnung verdient haben: Das erste war ein amerikanischer Luxuswagen, in dem ich von Viljandi (F) bis Varbola (G) mitgenommen wurde. Der Fahrer war ein Mann in den Fünfzigern, der einige interessante, aber mit meinen nicht ganz übereinstimmende Einstellungen hatte und der original gesagt hat "Ich bin ein kleiner Mann, also brauche ich große Autos". In der Nähe von Rapla haben wir dann noch einen Schlenker zu Bekannten von ihm gemacht, wo ich erst im Auto sitzen bleiben wollte, weil ich dachte, dass es nur um ein paar Minuten geht. Schnell wurde ich allerdings gefragt, ob ich was trinken will und auf dem ganzen Hof herumgeführt. Vom Kaninchenstall über das eigene Autoersatzteillager bis zum privaten Museum im Schuppen habe ich stolz alles gezeigt bekommen. Der zweite, den ich unbedingt erwähnen möchte, war ein älterer Herr, der mich gegen 20.00Uhr in der Nähe von Lihula (J) mitgenommen hat. Er war unglaublich interessiert und gleichzeitig fasziniert von meinem "Abenteuergeist" und hat immer wieder gesagt, wie klasse er es findet, dass ich mich soetwas traue und das auch noch in einem anderen Land etc. Auf der Fähre offenbarte er mir dann, dass er seine Frau angerufen hat und beide mich herzlich einladen, in deren Gästezimmer zu übernachten. Also verbrachte ich einen unglaublich interessanten und netten Abend mit tollen Gesprächen in einem, wie sich herausstellte, über 100 Jahre alten Haus (K) auf Saaremaa. Das Ehepaar war wirklich knuffig und total lieb, die beiden haben mir voller Stolz das ganze Grundstück mit Garten, Sauna und Kartoffelacker gezeigt und mir nebenbei noch jeder die eigene Lebensgeschichte erzählt. Ich glaube, beide haben sich über die Abwechslung gefreut und morgens durfte ich natürlich auch nicht ohne geschmierte Butterbrote das Haus verlassen. Einfach klasse.

An der Haltestelle vorm Haus, von der aus ich am nächsten Morgen mit dem Bus die verbliebene Strecke nach Kuressaare fahren wollte, stand noch eine weitere Frau ungefähr in meinem Alter und ich durfte exklusiv an folgender Konversation teilhaben:

(kurze Vorstellung)

- "Was machst du denn eigentlich beruflich?"

- "Ich studiere Musik in Tallinn, ich bin aber diesen Sommer fertig"

- "Ach wirklich? Dann kennst du doch bestimmt den Professor XY oder?"

- "Natürlich! Kennen Sie den auch?"

- "Das ist der Mann meiner Cousine, bestell' dem mal schöne Grüße!"

- "Mach ich! (dreht sich zu mir) Was machst du denn eigentlich hier in Estland?"

- "Ich bin Freiwillige in Maarja Küla"

- "Maarja Küla? Dann kennst du doch bestimmt Ly Mikheim, oder?"

- "Klar! Woher kennst du die denn?"

- "Das ist eine Freundin meiner Mutter, bestell' ihr mal schöne Grüße!"

 

Ein schöneres Beispiel dafür, dass man sich hier untereinander kennt, auch wenn man sich nicht kennt, hätte ich einfach nicht finden können. Das ist Estland. Und da fällt mir ein, dass ich Ly noch schöne Grüße von Mari ausrichten muss.

Mari hat noch an der Haltestelle von Arvo, dem älteren Herrn, den Auftrag bekommen, mir Kuressaare zu zeigen und sich "um mich zu kümmern". Keine halbe Stunde später stand mein Schlafplatz für die nächste Nacht fest: Maris Großmutter hat ein Haus in der Stadt, das steht aber gerade leer (viele Esten leben im Winter in der Stadt und haben im Sommer ein Haus auf dem Land) und bietet dadurch Platz für ungeplante Besucher wie mich.

Vormittags habe ich mir den Ort Kuressaare (N) an sich angeguckt, war am Strand spazieren und sogar im Meer schwimmen und habe mir dann noch einen Sonnenbrand und etwas zu Essen geholt.

Da mir Sonntag unabhängig voneinander zweimal empfohlen wurde, ein griechisch-orthodoxes Kloster 20km außerhalb der Stadt (M) zu besuchen, bin ich dort dann nachmittags auch noch vorbeigefahren, ohne eigentlich genau zu wissen, was ich da will. Ich wurde von einer der fünf dort lebenden Nonnen empfangen, die mir sofort sagte, dass spontan vorbeikommen genau die richtige Art ist und dass viele Esten sich das leider nicht trauen. Dann habe ich mir die Kirche inklusive Glockenturm anschauen dürfen, was beides doch schon sehr alt und etwas heruntergekommen, aber irgendwie auf seine eigene Weise sehr schön war. Später habe ich mit einer anderen Nonne ziemlich lange einfach so zusammen gesessen und über Gott und die Welt gequatscht. Zum Schluss habe ich zur Stärkung noch ein warmes Mittagessen bekommen und bin dann nach guten zwei Stunden wieder zurück nach Kuressaare gefahren. Mit einem kleinen Umweg zur ältesten Bücke Estlands bin ich dann zur Musikschule gegangen, wo Mari ein kostenloses Klavierkonzert im kleinen Kreis gegeben hat, da sie bald mit der Uni fertig ist. Das war wirklich der Hammer, da sie ja zur Pianistin ausgebildet ist, spielt sie auch entsprechend gut und ich war wirklich froh, dass ich dabei sein durfte. Abends sind wir zu zweit dann noch etwas spazieren gegangen und haben uns unterhalten, bevor wir beide relativ früh ins Bett gegangen sind.

 

Dieser spontane Zwei-Tages-Ausflug nach Saaremaa war richtig, richtig schön und vorallem dank einiger netter Leute viel spannender und interessanter als ich es erwartet hatte. Dazu kommt mir ein Zitat in den Sinn, welches ich momentan unglaublich passend finde:

 

"Fremde sind Freunde, die man nur noch nicht kennengelernt hat."

 

Alles Liebe

Anna

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Fri

10

May

2013

Du bist schon ziemlich lange in Estland, wenn...

 

  • -15° Außentemperatur dir warm, 80° in der Sauna dir jedoch kalt vorkommen

  • du im Winter vergisst, wie die Welt unter dem Schnee aussieht

  • du bei Temperaturen über 0° deine Sommerklamotten auspackst

  • du an einem Tag ohne Kartoffeln Entzugserscheinungen bekommst

  • auf Landstraßen deiner Meinung nach Streusalz unnötig ist

  • du Schneeschichten wie Baumringe lesen kannst

  • dir eine Woche ohne Sauna wie eine halbe Ewigkeit vorkommt

  • du über Wörter wie 'kontsert', 'informatsioon' und 'politsei' nicht mehr lachen musst

  • die deutsche Schreibweise von Namen wie 'Liisa' oder 'Tiina' dir irgendwie komisch vorkommt

  • du deinen Kaffeesatz für die nächste Sauna aufbewahrst

  • es für dich völlig normal ist, in Skihose und Gummistiefeln das Haus zu verlassen

  • 'in den Wald gehen' für dich ein normales Hobby ist

  • du Busse für das beste Fernverkehrsmittel hälst

  • du keinen Laden ohne Kohuke verlässt

  • Sätze wie 'Das ist der Cousin einer Freundin meiner Schwester' beim Fernsehen völlig normal sind

  • du an der Salattheke im Supermarkt eine Nummer ziehst, auch wenn die Schlange nur aus zwei Menschen besteht

  • du so gut wie nie zuvor über den Eurovision Songcontest informiert bist

  • dir das Geschlecht von Namen wie Aino, Kaire und Toivo sofort klar ist

  • du Milchprodukte nicht in Tetrapacks, sondern in Beuteln rechnest

  • Steinschläge zur Deko gehören

  • mehr als 50km für dich eine Langstreckenfahrt sind

  • du mehr Witze über Lettland als über Holland machst

  • saure Sahne zu allem schmeckt

  • Bushaltestellen ein Indiz für Leben sind

  • du alles ab 5.000 Einwohner Großstadt nennst

  • du vier Autos hinter einem Traktor als 'Stau' bezeichnest

 

 

Die Idee habe ich von Cécile, die gerade in Indien ist. Den Link zu ihrem und anderen Blogs findet ihr ab sofort hier. Danke an Marcel, Elisabeth und Philipp für die Mithilfe an der Liste :)

 

Neuigkeiten gibt's im nächsten Eintrag

 

Anna

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Tue

30

Apr

2013

Pärnu, Soomaa und das Öölaulupidu

Da ich am Freitag mit der Fahrschule nach Pärnu gefahren bin, um mein "Wintertraining" zu vervollständigen, habe ich das Wochenende genutzt, um einen Tag in dieser wunderschönen Küstenstadt zu verbringen und bin dann am Sonntag mit Marcel ins benachbarte Soomaa (Sumpfland) gefahren, um die für den Frühling typischen Überschwemmungen per Kajak zu bewundern. Montag abend war dann in Tartu das im Rahmen der Studententage jährlich stattfindende öölaulupidu (Nachtsingfest).

 

Wintertraining:

Eigentlich ist dieser Begriff völlig falsch, denn es geht in dieser Schulung, die du in Estland innerhalb von zwei Jahren nach Erhalten des Führerscheins absolvieren musst, nicht nur ums Bremsen auf glatter Fahrbahn. Vielmehr werden eine Menge Themen behandelt, die für das sichere Fahren von Bedeutung sind. Da ich diese Schulung jetzt fast abgeschlossen habe, gebe ich euch mal einen kleinen Überblick:

  Zuallererst bist du verpflichtet, zwei Theoriestunden zu absolvieren. Diese bestanden daraus, dass wir uns von 14.00-16.00Uhr der Reihe nach verschiedene ca. 10-minütigen Lehrfilme angesehen haben, in denen erklärt wurde, warum Winterreifen wichtig sind, wie man auf Schnee und Eis am besten bremst und am umweltfreundlichsten fährt. Auch wenn die Themen wichtig sind und die Videos auch ganz interessant waren, muss ich sagen, dass ich nur wenig wirklich nachwirkend behalten habe, was einfach daran liegt, dass meine Konzentration nach den ersten fünf Filmen rapide abgenommen hat.

www.aide.ee
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Der rein praktische und definitiv spannendere Teil fand dann am Freitag in Pärnu statt. Es fing damit an, dass der Fahrlehrer über die richtige Anwendung von Sicherheitsgurten und Kopfstützen geredet hat. Dabei wurden verschiedene Dinge rumgegeben, wie zB das Modell von einem Erwachsenen- und einem Kinderkopf (um das Gewicht abzuschätzen), aber auch ausgebaute Airbags und Gurthalterungen. Dann haben wir uns der Reihe nach auf einen Autositz gesetzt, der eine Art Halterung runtergerutscht ist, welche eine Vollbremsung bei 5km/h simuliert hat. Ich hatte zusätzlich noch eine Puppe (ca. 5-jähriges Kind) auf dem Schoß und zusammen stellten wir alle fest, dass dieses Kind selbst bei 5km/h nicht ausreichend gesichert gewesen wäre. Nach einem Besuch auf der Waage bekam jeder einen Zettel mit dem eigenen Gewicht bei verschiedenen Geschwindigkeiten in die Hand gedrückt und ich habe gelernt, dass ich bei 110 km/h gute 3,5 Tonnen wiege. Als nächstes wurden verschiedene Kindersitze ausgepackt und unsere Aufgabe war, diese vernünftig anzuschnallen. Nachdem auch das nach einigen Anläufen geglückt ist, ging es zum für mich persönlich interessantesten Teil.

www.aide.ee
www.aide.ee

In dieser Halle gibt es ein Auto, welches in einer schwebenden Halterung befestigt ist, was mich zuerst zu der Annahme geführt hat, dass es dort auch eine Werkstatt gibt. Aber falsch: dieses Auto lässt sich auf Knopfdruck um die eigene Achse drehen! Und so standen wir dann plötzlich auf dem Kopf und mussten irgendwie versuchen, aus diesem schein-verunglückten Auto wieder heil rauszukommen. Wenn man weiß, wie, ist das allerdings leichter als gedacht. Am wichtigsten ist eigentlich, sich mit den Beinen und einer Hand auf dem Boden (Dach) abzustützen, damit man beim Abschnallen nicht unkontrolliert hinfällt. Wenn man dann noch sichergegangen ist, dass es allen anderen auch gut geht, kann man das Auto durchs Fenster verlassen (mit den Beinen zuerst). Ich hoffe, dass ich dieses Wissen niemals brauchen werde, aber wenn, werde ich froh sein, es schonmal gemacht zu haben. Eine definitiv sinnvolle Sache!

Zum Schluss ging es dann noch auf das Gelände, auf dem ich im Oktober schon mal gewesen bin. Wieder ging es darum, auf nasser Fahrbahn zu bremsen und die Kontrolle über den Wagen nicht zu verlieren, bzw. das Gefühl kennenzulernen, wenn man sie doch verliert. Sich im Auto mehrmals um die eigene Achse zu drehen, kannte ich ja jetzt schon und empfand es daher auch als nur halb so schlimm.

  Natürlich gilt für alles, was wir gemacht haben, dass es ein riesiger Unterschied zu echten Unfallsituationen ist, aber ich bin trotzdem der Meinung, dass diese Übungen und Erfahrungen einen in bestimmtem Umfang auf den Ernstfall vorbereiten und die Schulung im Ganzen sehr, sehr nützlich war!

 

Pärnu:

Nachmittags fuhr ich also nicht wieder mit zurück nach Põlva, sondern startete direkt in mein freies Wochenende. Bis 17.00Uhr verbrachte ich mir die Zeit noch in der Innenstadt und in diversen Einkaufszentren, bis ich mich mit dem Couchsurfer traf, der mir für die nächsten zwei Tage die Schlüssel für seine Wohnung überließ, da er selbst übers Wochenende wegfahren wollte. Über dieses Vertrauen, einem Fremden ohne zu zögern die eigenen Schlüssel zu überlassen, wundere ich mich immernoch, habe mich aber natürlich sehr über die Bleibe gefreut. Abgesehen von einem Spaziergang zum nächsten Supermarkt habe ich dann auch abends nicht mehr groß was gemacht. Am Samstag war ich erst alleine ein bisschen am Strand und in der Stadt und habe dann um 15.30Uhr Marcel vom Bushof abgeholt. Da er zum ersten Mal in Pärnu war, haben wir nochmal einen relativ langen Spaziergang am Strand entlang und durch die Innenstadt gemacht, an dem das Wetter nicht hätte schöner sein können. Warm genug zum Baden ist es zwar noch nicht, aber schon allein der Umstand, dass das Meer nicht mehr zugefroren ist und der Himmel mit seinen einzelnen Wölkchen einfach umwerfend war, reichte mir schon für ein Sommergefühl :). Abends sind wir dann noch in einem sehr bekannten und von jedem empfohlenen Restaurant Pizza essen gegangen (in Marcels Fall Lasagne) und waren wahrscheinlich lange nicht mehr so vollgestopft. Von den vier Stücken meiner "kleinen" Pizza musste ich eins leider unberührt liegen lassen, während Marcel schwor, nie wieder Käse zu essen und der armen Kellnerin auf die Frage, ob sie die Reste wegbringen darf, nur ein unhöfliches "Weg!" entgegenschleuderte.

 

 

Soomaa:

 

   Für Sonntag war dann der Kajakausflug geplant. Da der Treffpunkt mitten im Soomaa-Nationalpark lag und nur mit dem Auto erreichbar war, war unsere Anlaufstelle ein Autoverleih in Pärnu. Nachdem ich die Kaution bezahlt und den Vertrag unterschrieben hatte, musste ich mich erstmal an das neue Auto gewöhnen und saß dazu noch zum ersten Mal meines Lebens in einem Ort mit Ampeln hinterm Steuer. Unser erster Stopp war die Tankstelle gegenüber, danach ging es dann weiter direkt hinein in eine Polizeikontrolle kurz vor der Stadtgrenze. Da ein Polizist uns durchwinkte, während der andere uns zum Halt aufforderte, war ich etwas verunsichert und hielt schließlich 20m zu spät an, wo ich dann höflich zu einem Alkoholtest aufgefordert wurde. Als wir weiterfahren durften, würgte ich vor lauter Bemühen, mich nicht zu blamieren, natürlich erstmal den Motor ab und war danach heilfroh, etwas Abstand zwischen mich und die Polizei zu bringen. Nach 1,5 Stunden Fahrt und einiger Sucherei fanden wir dann schließlich den Treffpunkt. Der Ausflug war sehr schön, auch wenn Kajakfahren wohl nie meine Lieblingsbeschäftigung werden wird. Ziemlich ungeschickt steuerten Marcel und ich im Zickzack immer genau auf das einzige Hindernis im Umkreis zu und hatten wohl am Ende von allen Teilnehmern die meisten Kilometer zurückgelegt. Nichtsdestotrotz war der Anblick der überfluteten Wälder, Wiesen und Felder wirklich einmalig und mit dem Kajak durch Gebiete zu fahren, deren Untergrund du im Wasser schimmern sehen konntest, hatte schon was. Bilder habe ich leider nur wenige gemacht, wer aber Interesse an weiteren Informationen und Bilder hat, findet diese auf der offiziellen Seite des Nationalparks.

Zurück nach Tartu schafften wir es relativ zügig per Anhalter. Während wir zuerst 20 Minuten lang auf einer Hauptstraße stadtauswärts kaum Beachtung fanden (abgesehen von einem Auto, aus dem heraus uns der Tartu marss entgegengesungen wurde), brachte uns ein netter estnisch-russisch-deutsch-englischsprachiger Herr in seinem Luxuswagen bis zum Standrand, von wo aus wir innerhalb von zwei Minuten mitgenommen wurden. So erreichten wir ohne Umwege Tartu und mit dem letzten Bus auch das Dorf.

 

 

 Öölaulupidu:

Montag abend begann um 21.00Uhr auf dem Lauluväljak in Tartu das Nachtsingfest, welches zwar nicht so groß wie die Sängerfeste in Tallinn, aber trotzdem beeindruckend war. Geschätzte 5.000-10.000 Menschen waren dort (offizielle Zahlen habe ich noch nicht gefunden), und für eine Stadt mit 100.000 Einwohnern ist das nicht schlecht. Während am Anfang noch einige leere Stellen in der Menge zu sehen waren, wurde es gegen 22.00Uhr so voll, dass viele sich auf die Gänge zwischen den Sitzreihen und an die Ränder stellten. Eingeleitet wurde die Veranstaltung mit dem Singen der Nationalhymne, danach ging es weiter mit fast 30 Liedern, von denen einige mit weniger, andere mit mehr Begeisterung gesungen wurden. Ich fand diesen Andrang für eine Veranstaltung, bei der doch eigentlich "nur gesungen" wird, wirklich unbeschreiblich, auch wenn ich ja eigentlich weiß, wie wichtig Gesang in der estnischen Kultur ist. Natürlich wurden auch Lieder gesungen, die bei der Singenden Revolution eine große Rolle gespielt haben und deren Bedeutung für die Esten sehr hoch ist. So wurde sich nicht nur bei der Nationalhymne hingestellt, sondern bei noch mindestens drei, vier anderen Liedern, die meiner Meinung nach teilweise mit mehr Enthusiasmus und höherer Emotionalität gesungen wurden als die Hymne selbst (einige davon könnt ihr euch unter Musik anhören). Ich muss sagen, dass ich bei manchen Texten wirklich eine Gänsehaut hatte und mir die Revolution vor 20 Jahren sehr nah und wirklich vorkam. Es waren viele estnische Flaggen zu sehen und auch der plötzliche Regen hat nichts daran geändert, dass der Platz bis auf den letzten Platz gefüllt war. Als ich Ken gefragt habe, ob denn keiner bei schlechtem Wetter nach Hause gehen würde, meinte er nur "Niemals." Abgesehen vom Singen gab es zwischendurch noch solche Sachen wie Laolawellen (von links nach rechts, rechts nach links, unten nach oben), Blitzgewitter mit allen verfügbaren Kameras sowie gleichzeitigem Hochspringen auf dem ganzen Platz, was dann wieder mehr den Charakter einer Studentenveranstaltung hatte (was es ja war).

Jetzt kann ich als auch endlich von mir behaupten, auf einem estnischen Sängerfest gewesen zu sein, und das bestimmt nicht zum letzten Mal. Ich bin mehr denn je davon überzeugt, dass ich im Sommer 2014 nach Tallinn will, um das richtige, große Sängerfest mit über 100.000 Menschen mitzuerleben. Da ich selbst kaum Bilder gemacht habe, habe ich euch aus dem Internet Bildergalerien rausgesucht, die ihr euch hier und hier anschauen könnt.

 

Alles Liebe

Anna

 

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Thu

25

Apr

2013

LIBLIKAS!

Ich habe es noch nie so sehr wie im Moment genossen, der Natur beim „Aufwachen“ aus dem Winterschlaf zuzusehen. Das ist wohl der späteste und langsamste Frühling meines Lebens, aber auch der bezaubernste. Seit Anfang April sind die Temperaturen tagsüber über null, seit zwei Wochen auch nachts und vor einer Woche habe ich mich bei unglaublichen 15° mit einer Picknickdecke auf den Weg in den Wald gemacht und eine ganze Stunde die Aussicht von der Bootsbrücke genossen, ohne dass mir kalt geworden ist. Nachdem ich den ganzen Winter über so gut wie garnicht im Wald war, genieße ich es seit einiger Zeit, jeden Tag zumindest für eine halbe Stunde meine Runde zu drehen und zu beobachten, wie die Umgebung zu neuem Leben erwacht. Ich hätte es vor einem Jahr wohl kaum noch für möglich gehalten, aber ich schöpfe so viel Energie aus einem einfachen Spaziergang und habe so viel Freude daran, einfach den Vögeln zuzuhören, dass ich Maarja Küla schon vermisse, sobald ich für ein Wochenende in Tartu bin. Da es nach der Zeitumstellung jetzt bis nach 21.00Uhr hell ist, es in letzter Zeit nicht mehr schneit, sondern regnet und die Sonne dir jeden Tag ins Gesicht scheint, finde ich es auch nur halb so schlimm, dass unser Fluss immer noch teilweise zugefroren ist. Die Blumen blühen, die Frösche quaken am Teich und die Bewohner fahren bis in die Abendstunden mit dem Fahrrad durchs Dorf. Es scheint, als ob die Welt wortwörtlich unterm Schnee eingefroren war und mit dem Temperatursprung und dem Tauwetter ist alles innerhalb von wenigen Tagen wieder so sommerlich, dass man seinen Augen nicht traut. In zwei Wochen fangen die Fußballspiele gegen die andere Einrichtung wieder an und meine Zuversicht ist groß, dass ich zur gleichen Zeit auch wieder im Fluß schwimmen gehen kann.

 

Jetzt zu meinen Unternehmungen der letzten Wochen:

 

Das Wochenende in Tallinn war sehr interessant und sehr schön, Gianluca (Freiwilliger aus Italien) hat uns eine kleine Stadtführung gegeben und uns Orte gezeigt, die man als normaler Tourist nicht unbedingt kennen lernt. So haben wir zum Beispiel den Ausblick vom Dach eines Hochhauses genossen, am Meer beim Zertrümmern von Eisstücken eine Menge Spaß gehabt und in einem russischen Antiquariat viele interessante Dinge entdeckt.

Leider habe ich es geschafft, krank zu werden und deswegen meine Helsinkireise kurzfristig abgesagt, diese wird aber auf jeden Fall nachgeholt. Den zusätzlichen freien Tag habe ich genutzt, um mit Marcel ein wenig in der Umgebung spazieren / wandern zu gehen. Die Berichte auf seinem Blog gibt es hier, Bilder hier.

 

Am Mittwoch, den 27.03. war ich dann mit Philipp und Marcel in einer Schule in Põlva, wo wir als Jury an einer Deutsch-Olympiade der 7. und 8. Klasse teilgenommen haben. Unsere Aufgabe war, mit jedem Schüler ein kurzes Gespräch zu führen und dann nach Grammatik, Wortschatz, Aussprache und Ausdruck zu beurteilen. Viele waren merklich nervös, mussten sie doch ihre Kenntnisse jetzt vor „echten Deutschen“ beweisen. Wir wiederum hatten zwischendurch Probleme, uns deutlich auszudrücken und mussten so manche Frage umformulieren oder langsamer wiederholen. Am Ende haben wir es jedoch alle geschafft, uns zu verständigen, und von Schülern, die fast nur Ja und Nein gesagt haben, bis zu echten Sprachtalenten, war alles dabei.

Ostern war sehr ruhig, am Samstag haben wir Eier gefärbt (die leider aufgrund der braunen Grundfärbung auch nachher kaum anders aussahen) und am Sonntag wurden draußen estnische Frühlings- und Osterlieder gesungen.

 

Erwähnenswert war auf jeden Fall unser Ausflug zum Suur Munamägi. Vera (Erasmusstudentin aus der Schweiz in Tartu) und ihr Freund Vitus (der seinen Namen hier in 'Vitti' geändert hat, da 'vitus' auf estnisch leider übelste Vulgärsprache ist) sind schon samstags nach Maarja Küla gekommen, da wir einen Saunaabend geplant hatten, der auch wirklich schön war. Mit Musik und einem extra vorbereiteten Buffee, sowie dem brennenden Kaminfeuer auch im Vorraum war der Abend sehr gemütlich, und zu der Zeit war es auch noch kalt genug, um sich nach der Sauna rauszusetzen, bzw in den Schnee zu laufen. Am nächsten Tag sind wir dann mit dem Auto in Richtung des höchsten Bergs Estlands aufgebrochen. Wir waren zu fünft: Vera, Vitus, Elisabeth, Marcel und ich. Hinterm Steuer saßen immer abwechselnd die letzten beiden, und unsere – naja, geringe Fahrerfahrung, hat uns eine Menge lustiger Momente beschert. Die Fahrt insgesamt war wirklich cool und wir sind in Südestland eine Menge rumgekommen. Der erste Stopp war Võru, wo wir uns mit Essen versorgt haben, danach ging es weiter zur ersten Punkt auf der Sehenswert-Liste: dem 'Rinni Kanjon'. Ja richtig, auch in Estland gibt's einen Canyon! Allerdings muss man dabei beachten, dass sich hinter solchen Begriffen in Estland meistens etwas ziemlich niedliches verbirgt. So, wie der 'Suur Munamägi' mir in einer deutschen Landschaft garnicht als „Berg“ aufgefallen wäre (manche Hügel in Aachen sind nur 50m niedriger), ist auch der Rinni Kanjon zwar ein wirklich schönes Fleckchen Natur, aber große Dimensionen darf man auch hier nicht erwarten. Am Beeindruckendsten waren eigentlich die Schneemassen, die dort lagen. In dieser Region taut es als letztes, und bei unserem Ausflug Anfang April lag der Schnee auf dem Munamägi teilweise 1,5m hoch.

Nachdem wir dann also die Aussicht vom Aussichtsturm genossen hatten, beschlossen wir, noch weiter nach Osten zu fahren, um eine Burgruine zu sehen, die in einem der Nachbardörfer lag. Dort machten wir Pause und auch wenn man durch den Schnee nicht bis zur Ruine durchkam, machten wir es uns in einem Picknickhäuschen gemütlich und legten die vorher gekauften Lebensmittel zu einem gemeinsamen Mittagessen zusammen. Gesättigt im Auto sitzend und die lokale Touristenkarte studierend merkten wir, dass wir ja anscheinend garnicht so weit vom Peipsi-See entfernt sind und beschlossen, auch dorthin noch einen Abstecher zu machen. Der Weg führte uns allerdings immer weiter ins Nichts, vorbei an winzigen Dörfchen und über schlammige Feldwege, sodass wir anfingen, uns darüber zu wundern, warum die Straßen zum See so schlecht sind und dass keiner von uns erwartet hätte, dass der See so abgelegen liegt. Als wir dann irgendwo im estnischen Hinterland an einem stehenden Polizeiauto vorbeifuhren, merken wir plötzlich, dass auf unserer Karte nicht der See, sondern Russland blau eingefärbt war! Gute 2km vor der Grenze mussten wir stehen bleiben, weil alle Autoinsassen von einem üblen Lachkrampf heimgesucht wurden. Während wir uns noch fragten, wie wir es alle geschafft haben, Russland mit einem See zu verwechseln, hielt die Polizei langsam neben uns an und fragte, ob man uns helfen kann und wo wir denn überhaupt hinwollen. Unsere ausweichende Antwort, dass 'wir nur einfach wieder zurück nach Võru fahren' klang wohl etwas verdächtig, sodass wir noch ganze 10 Minuten das Polizeiauto im Rückspiegel hatten, was Marcel als Fahrer ziemlich nervös gemacht hat. Erst hinter der Kreuzung nach Võru hatten wir wieder unsere Ruhe, und sind dann – abgesehen von einem langwierigen Fahrerwechsel auf einem winzigen und schlammigen Parkplatz – auch ohne weitere Unterbrechung durchgefahren. In Võru haben wir noch einen gemeinsamen Kaffee gegönnt, bevor wir getrennte Wege gegangen sind. Vera und Vitus versuchten es als Tramper in Richtung Riga, während die Maarja Küla Freiwilligen den Heimweg antraten. Dieser Tag war auf jeden Fall einer der Highlights und ich habe selten so viel an einem Stück gelacht wie dort.

 

Anna

 

PS.: Die Überschrift ist das estnische Wort für ein Tier, dass ich innerhalb einer Woche bestimmt 10 Mal gesehen habe: den Schmetterling!

 

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Wed

20

Mar

2013

Frühlingsanfang

Heute ist es also soweit. Der Winter hat – zumindest offiziell – ein Ende. Ich habe noch nie so sehr auf den Frühlingsanfang gewartet. Es ist einfach so, wie es ist: Ich liebe den Winter, den monatelangen Schnee und bin verzaubert von der Schönheit dieses Landes. Auch die Temperaturen machen mir nichts aus, ich gehe unglaublich gerne bei Minusgraden in die Sauna, nur um mich danach für ein paar Momente im Handtuch in die Kälte setzen zu können. Ich finde dunkle Nachmittage gemütlich und der graue Himmel gehört im Winter einfach dazu. Das alles sage ich ganz ohne Ironie. Aber nachdem ich jetzt seit bald acht Monaten hier bin und davon vier Monate alles weiß in weiß war, habe ich doch langsam Sehnsucht. Nach grünen Feldern und Bäumen mit Blättern, nach Blumen, nach Abenden im Freien, nach Sommerkleidern und kurzen Hosen. Nach Flüssen und Seen, in denen man schwimmen kann, nach Schmetterlingen und Fahrradtouren übers Land. Nach einer Partie Fußball im Freien und dem Gefühl, barfüß über eine Wiese zu laufen. Kurzum: Ich habe Sehnsucht nach dem Frühling.

 

Das Wetter sieht aber leider etwas anders aus. Es liegt immernoch Schnee, und es kann bis in den April rein dauern, bis er entgültig geschmolzen ist. Die Temperaturen liegen weiterhin unter dem Nullpunkt. Doch ich kann trotzdem sagen, dass sich der Jahreszeitenwechsel schon bemerkbar macht: Die Tage werden wieder länger und die Sonne scheint mit all ihrer Kraft mehrere Stunden am Tag. Der Himmel ist blau mit weißen Wolken und immer öfter sieht man den ursprünglichen Boden unter dem Schnee auftauchen. Vorallem der Sonnenschein löst in mir ein echtes „Sommergefühl“ aus, welches aber noch im Konflikt mit den Temperaturen und dem Schnee liegt. Trotzdem kann ich nicht anders, als den Winter innerlich schon abzuhaken und gedanklich zu all den Dingen zu schweifen, die ich unternehmen möchte, wenn es das Wetter wieder möglich macht. Ich hoffe, dass nach dem heutigen offiziellen Frühlingsanfang auch der tatsächliche nicht mehr lange auf sich warten lässt.

 

Und hier noch der Rest über den Februar und was sonst so los ist:

 

 An dem Tag nach meinem Geburtstag haben sich meine Großeltern gegen Mittag Richtung Pärnu aufgemacht. Ich wollte abends zur Abschiedsparty von Heli, deren Freiwilligendienst im Februar zuende war und die jetzt wieder in Tschechien ist (ich vermisse dich!). Weil ich aber den ganzen Tag Zeit hatte, habe ich mir zum Geburtstag einen Wellnesstag gegönnt. Neben 1,5 Stunden im Schwimmbad/Saunacenter/Whirlpool habe ich mir noch eine Massage und Pediküre gegönnt, bevor ich zum Abschluss beim Friseur war. Das war einfach unglaublich! Ganz entspannt bin ich dann also abends nach Hause, um Heli vernünftig Tschüss zu sagen. Das bedeutet, wir waren in einer Gruppe von ca. 10 Leuten die ganze Nacht wach, bis ich dann Sonntagmorgen gegen 6.00Uhr von Frederic nach Taevaskoja zum Bus gefahren wurde. Um 11.00Uhr habe ich mich in Pärnu wieder mit meinen Großeltern getroffen, von wo aus wir dann nach Riga gefahren sind. Dort haben wir die nächsten zwei Tage verbracht, bis am Dienstag auch schon der Abschied anstand. Insgesamt kann ich nur nochmal sagen, dass es eine wirklich schöne Zeit war und ich mich gefreut habe, einen so schönen 10-tägigen Geburtstagsbesuch zu bekommen!

Zum Führerschein: Die Theorieprüfung war ein Klacks, die erste staatliche Fahrprüfung hatte ich Ende Januar und bei der war ich nach dem ersten Fehlerchen so nervös, dass ich nurnoch Mist gebaut habe. Nichts schlimmes, aber genug, um durchzufallen. Nun gut. Die zweite Prüfung war dann am Valentinstag. Den Prüfer kannte ich schon, er hatte nämlich von der Registrierung beim ARK über die Theorieprüfung bis hin zur praktischen Prüfung alle meine „staatlichen“ Schritte zum Führerschein begleitet. Sowieso habe ich da auf dem Amt in der Führerscheinabteilung nur zwei Leute arbeiten gesehen. Aber reicht ja auch. Jedenfalls schien der Prüfer in einer guten Stimmung zu sein und so entspannte auch ich mich ein wenig. Generell war ich in der Prüfung etwas selbstbewusster als beim ersten Mal und machte auch deutlich weniger Fehler. Als ich dann am Ende gefragt wurde, was ich denn selbst für eine Meinung habe, wusste ich schon, dass ich bestanden hatte (Olivia hatte mir erzählt, dass es bei ihr genauso war). Nachdem ich dann meinen roten Stempel auf der vorläufigen Fahrerlaubnis hatte, habe ich einen kleinen Freudentanz aufgeführt. Zehn Tage später gabs dann den richtigen Führerschein aus Plastik, den ich mir ganz lässig mit dem Auto abgeholt habe. Naja, fast lässig. Noch am gleichen Tag habe ich mir beim Parken einen Kratzer reingefahren. Das war der Knaller, denn ich war mir ziemlich sicher, dass ich nie wieder mit unserem Dorfauto fahren darf. Tiina war aber zum Glück ziemlich gelassen und meinte nur, man müsse eben wegen den Kosten schauen und dass das dann logischerweise auf meine Rechnung geht. Da die Schramme aber keinen Einfluss auf die Fahrtüchtigkeit des Wagens hat, bezweifle ich, dass sich da jemals wirklich jemand drum kümmern wird. Und ich bin auch bestimmt schon wieder fünf Mal mit dem Auto irgendwohin gefahren. Also alles halb so schlimm wie erwartet. Zum Glück.

 

Heute war ich in Tallinn auf einem Infotag über Alternative Kommunikation. Den Platz habe ich spontan bekommen, weil eine Kollegin nicht hingehen konnte. Das war wirklich interessant, es wurden verschiedene Möglichkeiten vorgestellt, mit Menschen zu kommunizieren, die Probleme mit der Sprachentwicklung haben oder stumm sind und gleichzeitig eine geistige oder motorische Einschränkung haben.

Da gab es neben Kommunikatoren und Gesprächstafeln (siehe links) auch gleich ganze Bücher mit Bildern, die das gegenseitige Verstehen erleichtern sollen. Ich habe auf jeden Fall vor, einige dieser Hilfsmittel von dem Geld zu kaufen, was mir für mein eigenes Projekt zur Verfügung steht und in meinen letzten Monaten hier noch so viel wie möglich damit zu erreichen.

Übrigens habe ich auf dem Infotag die Mutter von Maria, einer Freundin/Kollegin von mir, kennen gelernt, die aus Võru angereist war. Durch sie musste ich dann auch nicht mit dem 22.00Uhr-Bus nach Hause, sondern wurde von Maria im Auto mitgenommen, die eh auf dem Weg ins Dorf war. Das zeigt mir nochmal: Estland ist klein und jeder kennt jeden. Das ist eine der Dinge, die ich an diesem Land so sehr mag.

 

Am Freitag fahre ich erst mit Marcel nach Tallinn, wo wir uns mit anderen Freiwilligen treffen, und mache mich dann Sonntagmorgen für zwei Tage auf nach Helsinki. Die Berichte gibt es nächste Woche!

 

Und jetzt wünsche ich allen eine gute Nacht :)

 

Anna

 

 

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Wed

27

Feb

2013

Halbjahresbericht

Halbjahresbericht

von Anna Baumann aus Maarja Küla in Estland, EFD 2012/13

 

Ich wohne in einer Lebensgemeinschaft für geistig Behinderte mitten im Wald – so habe ich immer in kurzen Worten erklärt, was ich hier mache und mit wem. Das kann man auch durchaus so stehen lassen, aber hinter meinem Projekt und dem Leben in Estland steckt eine ganze Menge mehr als das.

 

Maarja Küla heißt mein Projekt, in dem ich lebe und arbeite, in dem ich einen Großteil meiner Zeit verbringe. Es liegt 40km südlich von Tartu, zwischen den winzigen Dörfern Kiidjärve und Taevaskoja und 15 Minuten mit dem Auto vom nächsten Supermarkt entfernt. Das Projekt besteht aus 5 Wohnhäusern für jeweils sieben Bewohner, einem Dorfzentrum, einem Haus für die Freiwilligen, einer Werkstatt und einer Sauna. Je mehr man sich damit beschäftigt, desto mehr versteht man, wieviel eigentlich dahinter steckt und was für eine großartige Gemeinschaft Maarja Küla ist.

Die Einschränkungen der - übrigens ausschließlich erwachsenen – Bewohner sind sehr unterschiedlich, sie reichen von leichten sozialen Störungen bis zur kompletten Abhängigkeit. In meinem Haus lebt eine Frau im Rollstuhl, die defacto nichts alleine machen kann: wir müssen ihr viermal täglich die Windeln wechseln, sie füttern, sie an- un ausziehen, ihr die Zähne putzen und natürlich auch mit ihr duschen gehen. Zu diesen pflegerischen Tätigkeiten ist man allerdings als Freiwilliger nicht verpflichtet – und es wird hier von jedem akzeptiert, wenn dir solche Arbeiten unangenehm sind. Ich habe damit allerdings keine Probleme und fände es auch komisch, mich als Einzige nicht um diese Frau zu kümmern. Da wir an Wochentagen um die vier Mitarbeiter im Haus sind, wechseln wir uns damit natürlich ab. Diese Aufgaben nehmen aber generell nur einen kleinen Teil meiner Arbeit in Anspruch. Dazu kommt noch das Zähneputzen, wobei man den meisten Bewohnern auch helfen muss.

Den Großteil des Tages verbringe ich mit der Begleitung, Beschäftigung und Unterstützung der Bewohner. Das beinhaltet mehrere Aspekte: morgens z.B. ist es am wichtigsten, dass jeder zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist – ob auf der Arbeit, in der Schule oder bei einer Therapie. Das kann jenachdem schon ganz schön anstrengend sein, weil z.B. jemand seinen Lieblingspulli nicht findet, den er natürlich genau heute anziehen muss oder einfach ohne ersichtlichen Grund trotzig wird und dann einfach überhaupt nicht mehr das macht, was in dem Moment eigentlich wichtig wäre.

Ich bin grundsätzlich sehr froh, dass wir immer mindestens zu dritt im Haus sind, denn das eesti maja, in dem ich arbeite, gilt als das Schwierigste im Dorf. Neben der Frau im Rollstuhl wohnt dort ein weiterer Schwerstbehinderter, der zwar soweit keine körperlichen Einschränkungen hat, aber trotzdem bei allem Hilfe braucht. Da er nicht zur Schule oder Arbeit gehen kann, braucht auch er 24-Stunden-Betreuung im Haus. Und dann sind da natürlich noch die anderen fünf Bewohner, von denen auch jeder seine Eigenarten hat.

Meine Aufgaben sind also hauptsächlich begleitend und unterstützend, ich verbringe den Tag im Haus und helfe den Bewohnern im Alltag. Dazu gehört Essen machen genauso wie für die Einhaltung der Regeln zu sorgen, sich mit den Menschen zu beschäftigen und immer ein offenes Ohr für jemanden zu haben, den etwas bedrückt.

Momentan sind wir vier Freiwillige in Maarja Küla - davon drei Deutsche - und darüber bin ich sehr froh, denn es tut gut, abends oder zwischendurch einfach abschalten und reden zu können. Jeder von uns hat sein eigenes Zimmer, dass in einem Haus ohne Bewohner liegt, und in das wir uns somit auch jederzeit zurückziehen können.

 

  Das Leben in Estland generell habe ich sehr schnell kennen und lieben gelernt. Ich habe herausgefunden, dass ich das Leben auf dem Land sehr genieße und mich immer besser mit den schlechten Busanbindungen arrangiert habe. Außerdem habe ich erst vor kurzem hier meinen Führerschein gemacht, sodass ich jetzt auch mit dem Dorfauto ein wenig mobiler bin. Es gibt weiterhin Dinge, die für mich gewöhnungsbedürftig sind, wie z.B. das Essen. Es ist sehr reich an Kartoffeln, Fleisch und Milchprodukten. Jede Mahlzeit ist warm, d.h. schon morgens zum Frühstück gibt es Gries-, Hafer- oder Reisbrei mit Marmelade oder Joghurt, und es wird sowohl mittags als auch abends gekocht. Dabei werde ich persönlich mich nie daran gewöhnen, dass hier weder Sehnen, noch Fett o.ä. aus dem Fleisch geschnitten werden – ich habe schon viel Zeit damit verbracht, mein Fleisch zu „sortieren“ und werde das auch weiterhin tun. Ansonsten ist hier „hapukoor“ (sowas wie saure Sahne) der absolute Hit, die gehört einfach zu allem dazu. Im Großen und Ganzen schmeckt mir das Essen hier aber sehr gut, auch wenn es definitiv am Anfang gewöhnungsbedürftig war.

 

Der finanzielle Unterschied zu Deutschland ist ziemlich groß und ich habe schon oft darüber nachgedacht, woran das liegt und ob jetzt eigentlich Deutschland 'reich' oder Estland 'arm' ist. Die Gehälter zumindest im Sozialen Bereich liegen oft bei ca. 2€ die Stunde und es war mir ziemlich unangenehm, als ich in einem Gespräch erzählt habe, das Kindergeld in Deutschland betrage 185€ im Monat. In Estland sind es 19€. Auch das mit Hartz-IV vergleichbare Sozialgeld liegt bei gerade einmal 70€ im Monat. Deutschland wird grundsätzlich als sehr reich angesehen und auch ich als deutsche Freiwillige verdiene mit meinem Taschengeld + Kindergeld schon einen ganzen Batzen Geld, der an so manche Löhne heranreicht. Wenn man sich dann die Preise anguckt, findet man aber zumindest annähernd einen Ausgleich: vieles ist hier deutlich billiger als in Deutschland. Benzin kostet 1,30€/Liter, Zigaretten kosten 2,40€ und ein ganzes Leib Brot gibt es schon ab 30Cent.

 

Für mich am unschlagbarsten ist der öffentliche Transport. Züge gibt es zwar, allerdings fahren diese so selten und oft langsam, dass sie kaum genutzt werden. Hauptverkehrsmittel im Fernverkehr ist der Bus. Dabei werden von der alten, unbequemen Klapperkiste bis zum luxuriösen Reisebus mit WiFi und Kaffeemaschine alle Arten von Bussen angetroffen. Die Preise variieren stark: es lohnt sich, die Fahrpläne zu studieren, denn je nach eigenem Alter, Wochentag und Firma bezahlt man z.B. nach Tallinn (180km) zwischen 5,40€ und 12€. Von Põlva nach Võru habe ich einmal auf dem Hinweg 5€ und auf dem Rückweg 2€ bezahlt. Daran, dass ich nach Tartu grundsätzlich eine Stunde fahren muss, habe ich mich schon längst gewöhnt und mittlerweile genieße ich die langen Busfahrten, schaue aus dem Fenster, hänge meinen Gedanken nach oder nutze die Zeit, um Schlaf nachzuholen. Viele Busse sind sehr bequem und nachdem ich zum ersten Mal mit dem Zug gefahren bin, was nicht annähernd so angenehm war, weis ich die Polstersitze zu schätzen.

 

An die estnische Sprache habe ich mich sehr schnell gewöhnt, mittlerweile kann ich von mir behaupten, sie fließend zu beherrschen und komme auch im Alltag problemlos zurecht. Dazu beigetragen hat natürlich der Umstand, dass ich mir schon vor meiner Ausreise Grundkenntnisse angeeignet hatte, was in meinen ersten Wochen sehr nützlich war. Im Projekt, aber auch in der Freizeit und einfach generell ist es ein ganz anderes Gefühl, die Landessprache sprechen zu können und Esten sind meistens sehr froh über Ausländer, die sich diese Mühe machen. Der Satz, der mich durch meine ganze Zeit hier begleitet hat, ist „Dein Estnisch ist echt schon richtig gut, wie hast du das gelernt?“ und häufig sind Leute sehr erstaunt, wenn sie hören, dass ich erst seit ein paar Monaten hier bin. Schließlich gibt es doch Russen, die schon 40Jahre hier leben und immer noch kein Estnisch sprechen.

 

Auch dieses Thema begegnet einem hier häufig. Estland als Staat ist erst 20 Jahre alt und hat noch immer viele Spuren der Sowietunion vorzuweisen. Es lebt eine russische Minderheit von 25% in Estland, und viele machen sich nicht die Mühe, estnisch zu lernen. Natürlich trifft das bestimmt nicht auf alle zu, aber immer wieder höre ich z.B., wie estnische Kassierer an der Kasse auf russisch reden (müssen) oder sehe russische Werbung an Litfasssäulen. Selbst Formulare u.ä. sind immer auch auf Russisch und im estnischen Fernsehen kommen zwischendurch russische Nachrichten. Das allerdings sehe ich als guten Vorsatz, die russische Minderheit mehr zu integrieren, wofür es auch mehrere staatlich geförderte Programme gibt. Wenn man sich als Tourist in Estland bewegt, sollte man grundsätzlich eher vermeiden Russisch zu sprechen, hat man die Wahl, sollte man Englisch wählen.

 

Die meisten Esten sprechen sehr gut englisch, gerade die Jüngeren. Die ältere Generation spricht dagegen oft eher russisch oder deutsch. Mir ist aufgefallen, dass ich grundsätzlich zuerst für eine Russin oder für russischstämmig gehalten werde, wenn in einem estnischen Gespräch mein Akzent zum Thema wird. Das macht mir allerdings nichts mehr aus, grundsätzlich versuche ich aber eigentlich als Ausländerin garnicht mehr aufzufallen und Estland als meine zweite Heimat zu etablieren. Dafür habe ich auch schon ordentlich Dokumente zusammen: ganz am Anfang habe ich meine estnische ID-Card bekommen, die als Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung für 5 Jahre gilt, sich aber optisch von den Ausweisen nicht unterscheidet und auch von mir als solcher benutzt wird. Dann habe ich ebenfalls nach ein paar Wochen ein Bankkonto eingerichtet, was ich jedem Freiwilligen empfehlen kann. Man kann hier einfach überall per Karte bezahlen, und wenn man das nicht mag, so kann man doch leichter sein Taschengeld überwiesen bekommen. Das dritte Dokument ist mein Führerschein, den ich vor kurzem nach ca. einem halben Jahr Fahrschule ausgehändigt bekommen habe. Er kostet lediglich 600€ und gilt in der gesamten EU. Allerdings ist er vorerst nur für zwei Jahre gültig, als sogenannter Anfängerführerschein, und innerhalb dieser Zeit muss man ein Wintertraining absolvieren, mit dem man dann den entgültigen Führerschein bekommt. Auf den Straßen ist die Höchstgeschwindigkeit grundsätzlich 90km/h, und Fahranfänger müssen vorne und hinten im Auto in der Scheibe ein „grünes Blatt“ als Erkennungszeichen haben.

 

Insgesamt kann ich sagen, dass ich mich hier in Estland super wohl fühle und es unglaublich finde, wie schnell die Zeit vergeht. Für die zweite Halbzeit habe ich mir sowohl privat als auch im Projekt Ziele gesetzt, die ich noch verwirklichen möchte. Davon ist eins, noch möglichst viel rumzureisen und andere Städte zu sehen. Wahrscheinlich fahre ich im März für zwei Tage nach Helsinki und im Juni für eine Woche nach St.Petersburg, doch auch die estnischen Inseln, Narva und Schweden stehen noch auf meiner Liste.

Auch in Maarja Küla habe ich noch Pläne. Bis jetzt arbeite ich abwechselnd im „eesti maja“ und in den Werkstätten, in der Zukunft würde ich aber auch gerne noch den Laden in Tartu und unsere Wohnung dort als Arbeitsplatz kennenlernen. Außerdem habe ich noch einige kleinere Projekte im Dorf, wie z.B. mit einer Bewohnerin abends Tagebuch zu schreiben oder mit einem anderen ab und zu Klavier zu spielen, welche ich gerne realisieren möchte.

Ich bin sehr optimistisch, was die Zukunft angeht und freue mich schon unglaublich auf ein weiteres halbes Jahr in Estland!

 

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Thu

21

Feb

2013

Geburtstagsbesuch und Fahrprüfung am Valentinstag

Die letzten Wochen waren ziemlich abwechslungsreich und vorallem ziemlich cool! Ich hatte Besuch von meinen Großeltern, habe Tallinn und Riga gesehen, war in einem Mittelalterrestaurant essen und habe am Valentinstag die Führerscheinprüfung bestanden. Aber von Anfang an:

 

Am Freitag, den 01.02., bin ich abends nach Tartu gefahren, um bei Liisu zu übernachten. Mehr oder weniger spontan wurde ich dann vorher noch von Pavel und Heli zu einer Privatparty mitgenommen, die in einer kleinen Wohnung mit ca. 15 Leuten stattfand, von denen ich nur zwei kannte. Zum Glück fiel das Kennenlernen aber nicht schwer und obwohl ich die Leute sehr symphatisch fand, verabschiedete ich mich dann aber doch, als es die Gruppe Richtung Disko zog... mein Bus am nächsten Tag kam schließlich schon um 6.30Uhr.

 

  Zum Glück bin ich an mehrstündige Fahrten im Reisebus schon gewöhnt, und weil es dieses Mal sogar ein besonders gemütlicher war, habe ich die 5 Stunden nach Riga im Schlaf geschafft (haha).  Als ich dann gegen Mittag vor der gleichen Schiebetür im Flughafen stand, mit der vor einem halben Jahr alles begonnen hatte, wurde ich doch ein wenig aufgeregt. Zum Glück ließen meine Großeltern nicht lange auf sich warten, und nach einem kurzen Zwischenstopp im Schnellimbiss ging es auch schon los Richtung Estland. Nach der wiedermal mehrstündigen Fahrt zurück (diesmal im Auto) kamen wir am frühen Abend in Maarja Küla an und ließen den Tag ganz in Ruhe ausklingen.

Am nächsten Morgen fing dann für meine Großeltern der eigentliche Urlaub an.  Bei unseren sonntäglichen Pfannekuchen lernten sie das eesti maja kennen und lieben und wurden auch sogleich von allen ins Herz geschlossen. Später dann gabs meine persönliche Führung durchs Dorf, die zu einer - sonst wäre es ja langweilig - unerwarteten Änderung des Abendprogramms führte. Und zwar war es in den letzten Januartagen wirklich warm, die Temperaturen kletterten zwischendurch sogar kurzzeitig über den Gefrierpunkt und brachten damit die obersten Zentimeter Schnee zum Schmelzen. Da es jedoch schnell wieder kälter wurde, waren unsere Straßen und Wege pünktlich Anfang Februar von einer frischen Eisschicht bedeckt. Die damit verbundene Glätte war der Grund für ein geschwollenes Handgelenk und einen Besuch in der "Notaufnahme" noch am gleichen Abend. Das hielten wir zwar zuerst nicht für nötig, weil das Ganze anfänglich noch sehr harmlos aussah. Gegen Abend lief Omas Hand dann aber ganz schön blau/rot an und so boten sowohl Huko als auch Heikki an, als Übersetzer mitzufahren. Ausschlaggebend war dann am Ende die Einsicht, dass es am nächsten Morgen im Krankenhaus wahrscheinlich viel voller sein würde und es besser ist, noch am gleichen Abend zu fahren. Also sind wir dann zu viert los in das 15km entfernte Krankenhaus, um sicherzugehen, dass mit dem Handgelenk alles in Ordnung ist. Eine kurze Wartezeit (der Typ musste erst von Zuhause dahin kommen - so ist das halt sonntagsabends im estnischen Dorfkrankenhaus), ein Röntgenbild und ein paar erklärende Sätze (zum Glück hatten wir Heikki dabei) später wussten wir Bescheid: kein Bruch, nur eine ordentliche Schwellung mit noch ordentlicherem Bluterguss. Da die Hand trotzdem stabilisiert werden musste, war das Ende vom Lied: ein Gips für den Rest des Aufenthalts. So stellt sich doch jeder den perfekten Urlaub vor...

Zum Glück war es aber nur das Handgelenk und kein Bein, sodass wir keine Abstriche in der Planung machen mussten (ok, Skifahren fiel raus, aber das hätten wir wahrscheinlich eh nicht gemacht). Die nächsten Tage verbrachten wir im Dorf, besichtigten die Werkstätten, machten Wanderungen in den Wald und aßen 3x am Tag im eesti maja. Oma war sogar einmal morgens bei der Musiktherapie dabei und Opa hat sich dann nachmittags die Vollversammlung angeschaut. Beide haben also einen Einblick ins Dorfleben gehabt und es hat mich gefreut, dass es ihnen so gut gefallen hat :)

Dienstag waren wir in Tartu, wo wir den Nachmittag im Ahhaa-keskus verbracht haben. Das ist ein wissenschaftliches Zentrum, wo man allen möglichen Kram sehen und machen kann. Wie rechts zu sehen, hat sich mein Opa direkt auf das Freiluftfahrrad gestürzt ;). Neben den Themenhallen Weltraum und Physik/Natur gibt es auch nette Sachen zur optischen Wahrnehmung, wie zB ein schiefes Zimmer, in dem du auf dem Bildschirm in der einen Ecke kleiner bist und in der andere sehr groß oder einer Wand, vor der du Bilder von deinem Schatten machen kannst. Abends gab es dann noch eine "live-show" von chemischen Experimenten mit Trockeneis, die sehr cool war. Als ich gesehen habe, wie leicht gefrorenes Plastik zerbricht, ist mir auch klar geworden, wie meine Gummistiefel kaputt gegangen sind... man lernt eben immer dazu :D.

 

Donnerstag ging es dann los in die Hauptstadt - nach Tallinn. Am ersten Abend haben wir nach der wieder dreistündigen Fahrt in einer nahegelegenen süßen, kleinen Altstadtkneipe noch ein Bier getrunken und eine Kleinigkeit gegessen, und sind danach sofort schlafen gegangen, um unsere Reserven für den "großen Tag" aufzusparen ;). Für Freitag, den 50. Hochzeitstag meiner Großeltern und meinen 20. Geburtstag, hatten wir ein schickes Essen geplant. Nachdem wir tagsüber ein wenig durch die Innenstadt geschlendert waren und uns mehrere Restaurants von aussen angeguckt hatten, entschieden wir uns für das Interessanteste und Sympathischste: ein kerzenbeleuchtetes Mittelalterrestaurant direkt am Rathaus. Die Kellner waren passend gekleidet, das gesamte Geschirr war aus Ton, bzw. Glas und eine Musikgruppe spielte am Rande unaufdringliche Musik. Die Speisekarte war per Hand in Leder gebunden und zum Essen wurden uns neben Besteck auch Handtücher gebracht, "falls wir mit der Hand essen wollen". Es war also kein schicker, aber ein außergewöhnlicher Abend, und das Restaurant ist definitiv weiterzuempfehlen!

 

Teil 2 folgt! Bilder gibt es in der Galerie.

 

Anna

 

PS.: ICH HAB DEN FÜHRERSCHEIN! :)

Musste nochmal gesagt werden, Details im nächsten Eintrag ;)

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Thu

24

Jan

2013

Das größte Lob!

Wir suchen momentan neue Mitarbeiter, weil eine Kollegin schwanger ist, ein Kollege sich eine Auszeit nimmt und ein weiterer Kollege intern zu einer anderen Stelle wechselt. Deshalb sind momentan von Zeit zu Zeit immer mal wieder Bewerber im eesti maja, um sich einen Eindruck von der Arbeit zu machen. Diese Woche arbeite ich in den Werkstätten und war deswegen vormittags nicht im Haus. Beim Mittagessen habe ich dann gesehen, dass heute wieder eine Frau (namens Eda) zu Besuch ist. Als ich gerade ein paar Sätze mit ihr gewechselt hatte, kam Philipp und hat mich auf deutsch in ein Gespräch verwickelt. Eda hat einen Moment lang verwirrt geguckt und dann (auf estnisch)  gesagt: "Ach, du bist Deutsche? Ich wollte gerade schon fragen, warum du so gut Deutsch sprichst." Sie hat wirklich gedacht, dass ich aus Estland bin! Wenn das mal kein Riesenlob ist!

 

Was sonst noch so los ist:

 

  • Die Temperaturen sind zwischenzeitlich auf bis zu -28° gesunken. Auch in diesem Sinne bin ich zur Estin geworden: Bei -16° bin ich der Meinung, dass "heute ein warmer Tag" ist und wenn die Minusgrade einstellig sind, muss ich das erst auf drei verschiedenen Thermometern gesehen haben, bevor ich meinen Augen traue. Kündigt sich etwa der Frühling schon an?
  • Am 14.01. hat unsere Freiwilligengruppe Verstärkung bekommen: Marcel aus Leipzig ist in Maarja Küla angekommen. Seinen Blog findet ihr hier (mit sehr schönen Fotos und sowieso lesenswert ;) ). Die Fahrt nach Riga war sehr lustig und natürlich mal wieder mit ordentlich Chaos verbunden... morgens um 9.00 hat sich unsere kleine Gruppe aufgemacht, ihn vom Flughafen abzuholen. Liisu, Maria, Kertu, Philipp und ich wussten zwar, dass sein Flugzeug um 14.55Uhr ankommen sollte, aber leider erinnerte sich keiner mehr, von wo er eigentlich losfliegt. Als dann angezeigt wurde, dass sich der Flug aus Düsseldorf verspätet, der aus München allerdings zu früh gelandet ist und der aus Frankfurt wohl pünktlich kommt, waren wir alle ein wenig verwirrt. Wir entschieden uns für die sinnvollste Möglichkeit: warten. Bis halb vier war noch alles in Ordnung, um vier fingen wir an, uns die ankommenden Passagiere genauer anzugucken und "Für welchen der drei nächsten Männer würdest du dich entscheiden"-Spiele zu spielen, um halb fünf wurde auch das langsam langweilig. Kertu und Philipp machten sich auf zur Information, während Maria und ich weiter in der Empfangshalle ausharrten. Liisu war eh am ärmsten dran, die fuhr nämlich alleine irgendwo mit dem Minibus im Kreis, weil sie am Flughafen nicht parken wollte :D. Nachdem Philipp und Kertu also von der Information zurück waren ("Da müssen Sie erst bei der Polizei eine Vermisstenanzeige aufgeben, bevor wir Ihnen Auskunft geben können"), beschloss Maria, auf Klo zu gehen. Und weil ihm langweilig war, beschloss Philipp nach ein paar Minuten, ihr hinterherzurennen und ihr zu sagen, dass Marcel endlich angekommen ist. Und genau in dem Moment, in dem sie zurückgerannt kam, nur um zu sehen, dass immer noch keiner da war, ging die Schiebetür auf. Letztendlich haben wir uns also doch noch alle gefunden und sind, wenn auch mit einiger Verspätung, abends in Maarja Küla angekommen. Sein Flug kam übrigens aus Wien.
  • Mein Arbeitsschema hat sich geändert: Statt drei bin ich jetzt nurnoch zwei Wochen pro Monat im eesti maja, die restlichen zwei arbeite ich in den Werkstätten. Dazu gehört bald auch der Laden in Tartu bzw. die dazugehörige Wohnung, in der die jeweiligen Bewohner für ein paar Tage übernachten.
  • Im Thema Fahrschule ist ein Ende in Sicht: Nächste Woche Mittwoch habe ich die staatliche Theorieprüfung. Wahrscheinlich kann ich sogar noch am selben Tag die Fahrprüfung machen (solange ich die Theorie bestehe, natürlich). Da die Bürokratie hier meistens sehr zügig vonstatten geht, halte ich also mit etwas Glück schon in zwei Wochen meinen Führerschein in der Hand!

 

Alles Liebe und bis bald

 

eure Anna

 

 

 

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Sun

23

Dec

2012

Häid Jõule!

Da Heiligabend jetzt wirklich unmittelbar vor der Tür steht, wollte ich euch kurz darüber auf dem Laufenden halten, wie ich die Feiertage verbringe und wie Weihnachten in Estland überhaupt gefeiert wird. Im Grossen und Ganzen unterscheidet sich die Adventszeit nicht besonders von der in Deutschland. Weihnachten wird aber nicht ganz so wichtig genommen wie bei uns, so gibt es zum Beispiel auch traditionell keinen Adventskranz und keine Adventskalender. Beides habe ich zwar in Supermärkten gesehen, allerdings kommt da viel aus der deutschen Produktion und hat wenig mit dem estnischen Fest zu tun. Auch der Nikolaus kommt nicht am 6.12., hier gab es einfach die ganze Zeit über mehr Schockolade und Süssspeisen als üblich. Dabei sind auch die Plätzchen erwähnenswert. Plätzchen gibt es durchaus, allerdings nicht besonders vielfältig. Am beliebtesten ist hier piparkook, also Pfefferkuchen. Aus dem Gleichen Teig, aus dem wir unsere Pfefferkuchenhäuschen backen, werden hier Plätzchen gemacht. Anderes Selbstgebackenes habe ich noch nicht gesehen. Was natürlich nicht heisst, dass es das nicht gibt. Aber piparkook ist definitiv der Weihnachsrenner Nr.1.

In Maarja Küla hatten wir eine etwas lebendigere Art, auf Weihnachten zu warten, als ein paar Kerzen anzuzünden. An jedem Adventssonntag um 10.00Uhr wurde unter unserem grossen Weihnachtsbaum in der Mitte des Dorfes gesungen. Erwartet wurde jeder, der Lust hat, und jeden Sonntag gab es eine kleine Runde in der Kälte, wo für eine Viertelstunde gemeinsam Weihnachtslieder gesungen wurden. Das war wirklich eine nette Sache, auch wenn man froh war, danach schnell wieder im Warmen zu sein. Auch hatten wir mehrere Weihnachtskonzerte im Dorfzentrum und jedes Haus hat sich weihnachtlich geschmückt.

 

Heute ist mein letzter Arbeitstag und das Wochenende war sehr ruhig. Gestern war eine Versammlung von allen Eltern im Dorf, und danach sind die meisten Bewohner in den Urlaub nach Hause gefahren. Es war schön, auch mal die Eltern der Menschen kennenzulernen, mit denen ich arbeite und sich ein bisschen zu unterhalten. Ausserdem war es sehr berührend, zu sehen, wie sehr sich alle auf gestern gefreut haben und wie glücklich alle waren, als ihre Eltern zur Tür hereinkamen. Natürlich ist das nichts aussergewöhnliches, aber es ist doch ein schöner Anblick, wenn 25-jährige ihren Eltern kreischend in die Arme rennen und sogar der Autist, der scheinbar zu niemandem eine echte Bindung hat und nicht gerne berührt wird, seinen Eltern entgegenkommt und sich umarmen lässt. Nachmittags wurde es dann sehr ruhig im Haus, nur die Bewohnerin im Rollstuhl, die nie nach Hause fährt, ist noch hier. Wir haben ein paar Mahlzeiten mit anderen Häusern zusammengelegt, weil wir nur so wenige sind und ansonsten sehr wenig zu tun gehabt.

 

Morgen früh fahre ich also nach Tartu, wo ich mich mit Rekardo treffe und dann fahren wir zusammen nach Valga, wo seine Familie wohnt. Dort verbringen wir die Weihnachtsfeiertage und fahren dann weiter nach Võru, wo wir uns zwei Nächte in einem Spa-Hotel gebucht haben. Da gibt es mehrere verschiedene Saunas und Wasserbecken, einen Whirlpool und für jeden von uns eine 20-Minuten-Massage. Das ist dann unser ganz persönlicher Kurzurlaub zu zweit, bevor ich Samstag schon wieder auf der Arbeit bin. An Silvester bin ich ebenfalls im Dorf, was mir aber nicht besonders viel ausmacht. Ich denke, es wird ein sehr schöner und entspannter Jahreswechsel.

 

Jetzt wünsche ich auch euch da draussen in Deutschland und überall auf der Welt

 

FROHE WEIHNACHTEN UND EIN GUTES NEUES JAHR!

HÄID JÕULE JA HEAD UUT AASTAT!!

 

Wir sprechen uns im Jahr 2013, alles Liebe

eure Anna

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Mon

17

Dec

2012

Kaaaaalt!!!

Hallo!

Eigentlich hatte ich vor, euch einen ordentlich langen und ausführlichen Bericht von allem  zu schreiben, was ich seit dem letzten Eintrag so erlebt habe. Aber da das nur dazu führt, dass ihr noch länger warten müsst, kriegt ihr jetzt eine kürzere Version (und diesmal wirklich das Versprechen, dass ich mir nie wieder so viel Zeit zwischen zwei Einträgen lasse).

 

  Das Mid-term-training war ziemlich cool. Der Ort, an dem wir übernachtet haben, lag noch viel weiter im Wald, als ich es mir jemals hätte vorstellen können. Ersten Gerüchten nach sollte das Seminar in der Hauptstadt Tallinn stattfinden, was sich jedoch nur als Halbwahrheit herausgestellt hat. In Wahrheit sind wir mit dem Bus nach Tallinn gefahren (9.70€ für 190km), wo wir von den "Trainern" mit einem Minibus abgeholt wurden. Dieser ist dann ca. eine Stunde über die Landstraßen gefahren, bevor er ins "Hinterland" abgebogen ist. Übrigens war das das erste Mal, dass ich hier in Estland autobahnähnliche Straßen gesehen habe. Dabei gibt es jedoch ein paar wesentliche Unterschiede: erstens ist die Geschwindigkeit generell und überall auf höchstens 90km/h beschränkt, was auch das "Autobahnfeeling" beschränkt. Zweitens gibt es immer mal wieder Stellen, an denen man wenden kann, was Autobahnkreuze überflüssig macht. Drittens sind auch die Auf- und Abfahrten von etwas anderer Gestalt. Beschleunigungsstreifen fehlen meistens ganz oder haben die Länge von 1-2 Bushaltestellen ( die es übrigens auch regelmäßig zu sehen gibt, allerdings mit eigener Fahrspur). In unserem Fall fing schon nach ein paar Metern der Waldweg an, was ein für mich ungewohnt schneller Übergang war. Dann ging es 20 Minuten durch dichten Wald, wobei wir einmal fast in einer Riesenpfütze steckengeblieben wären und uns ein paarmal nicht sicher waren, ob der rechte oder der linke Weg der richtige ist. Auf die Frage, ob dieser Weg überhaupt irgendwo hinführt, bekamen wir die nicht ganz überzeugt klingende Antwort "Natürlich, jeder Weg führt irgendwo hin". Als ich mich dann schon innerlich auf ein Überleben im Wald eingestellt hatte, waren wir plötzlich wieder auf der Straße. Auf der gleichen Straße wie vorher, in die gleiche Richtung wie vorher. Das war verwirrend. Einer jedoch ließ sich nicht von seiner Mission abhalten: unser Fahrer. Einmal schnell an einer nicht dafür vorgesehenen Stelle gewendet und zack zurück. Gleiche Abfahrt wieder rein, gleiche Riesenpfütze, gleicher Weg. Nur eine Sache war anders: Diesmal sind wir nicht vom rechten Weg abgekommen (haha, Wortspiel...). Also, lange Geschichte, kurzer Sinn: Dieser Ort liegt mitten im Wald, ist wunderschön, wir hatten ein tolles Seminar und haben eine tolle Wanderung gemacht. Bilder in der Galerie. Weiter im Text.

 

To-do-Liste für die Fahrschule:

Drittes Modul beenden CHECK

Theorieprüfung bestehen CHECK

Praxisprüfung bestehen CHECK

Das bedeutet ungefähr soviel: Ich habe das dritte Modul beantwortet (hab ja gesagt, dass der Theorielehrer cool ist), bin in der ersten Prüfung mit 21 falsch beantworteten Fragen durchgefallen, habe das ganze Wochenende wie blöd gelernt und dann mit 2 Fehlern die Prüfung bestanden. Die Prüfung beinhaltet 60 Fragen, 6 falsche Antworten sind erlaubt. Eine Stunde Zeit. Für die erste Prüfung hab ich mich geschämt, auf die zweite bin ich stolz.

Die Praxisprüfung hatte ich am 12.12.12 um 12.00Uhr. Hab ein paar Fehler gemacht, bin gefühlte 10Stunden gefahren und habe bestanden. Alles gut.

Wer jetzt aber denkt, ich hätte den Führerschein, nur weil ich die Prüfungen bestanden habe, liegt damit leider falsch. Mein nächster Anlaufpunkt ist der/die/das ARK, auch genannt autoregistrikeskus (Autozentralregister). Genau erklären kann ichs nicht, wenn ich gefragt werde, sag ich, das ist sowas wie der TÜV. Jedenfalls muss ich bei denen nochmal jeweils eine Theorie- und eine Praxisprüfung machen. Das sind erst die richtigen, offiziellen Prüfungen. Da muss man auch mehr bezahlen, wenn man nicht besteht. Glaube ich. So oder so ist es eine seltsame Sache, hier macht man also doppelt so viele Prüfungen. Die beste Begründung, die ich bis jetzt gehört habe, war: "Ist ein gutes System, wir haben schon genug Idioten auf den Straßen." Ich glaube, das ist international.

 

Jetzt noch kurz was zum Wetter:

Die Temperaturen liegen im zweistelligen Minusbereich. Für Heiligabend sind zum ersten Mal -20° vorhergesagt. Das ist aber keine trockene Kälte, die dich einfach nur frieren lässt. Das ist eine fiese, windige Kälte, die dir den Schnee ins Gesicht bläst. Ohne Schal und Mütze gehe ich grundsätzlich nicht raus, und wenn ich manchmal zu faul bin, um mir die Handschuhe anzuziehen, nehme ich sie trotzdem immer mit, denn nach spätestens einer Minute ziehe ich sie doch an.

Es hat bis jetzt "zweimal" geschneit. Das erste Mal Ende Oktober, als ich nach Pärnu gefahren bin. Dieser Schnee ist eine Woche liegen geblieben. Das zweite Mal Ende November, und seitdem liegt durchgehend Schnee. Das meine ich damit, wenn ich sage, dass die Jahreszeiten in Estland deutlicher sind. In Deutschland schmilzt der Schnee in neun von zehn Fällen innerhalb von einem Tag wieder weg. In Estland schneit es und dann liegt Schnee. Punkt. Je öfter es schneit, umso mehr Schnee gibt es. So einfach ist das. Und der Wind schafft es sogar, den Schnee teilweise zurück auf die schon geräumten Wege zu wehen, sodass man nochmal Schnee schaufeln kann, ohne dass es in der Zwischenzeit geschneit hat.

 

Soweit, so gut. Fortsetzung folgt.

 

Anna

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Mon

05

Nov

2012

Wann ich arbeite und wie die Busse im Winter fahren

Mir ist seit längerem schon aufgefallen, dass hier immer nur spezielle Themen auftauchen, was ja an sich auch völlig normal ist. Mir fallen aber dauernd Dinge ein, die ich auch gerne erzählen würde, und die dann zu kurz kommen. Deswegen habe ich beschlossen, dass mein Eintrag heute keinem roten Faden folgt, sondern ich einfach Punkt für Punkt alles loswerde, was mir gerade so einfällt:

 

  • Es gibt eine Person, die ich hier in den Einträgen schon öfters erwähnt habe. Und dann ist mir aufgefallen, dass ihr garnicht wisst, wer das ist. Rekardo. Rekardo, Rekardo, Rekardo. Rekardo ist 20 Jahre alt, in Lettland geboren, aber in Estland aufgewachsen, arbeitet auch in Maarja Küla, geht mit mir zur Fahrschule und wir sind seit 2 Monaten zusammen. Das ist jetzt der Moment, wo ihr euch für mich freuen dürft :D Ich wusste nicht, ob und wie ich das hier in den Blog schreiben soll, aber ich will, dass ihr diese "Hintergrundinformation" habt. :) Für detailiertere Geschichten ist das hier aber glaube ich der falsche Platz. 

 

  • Der wichtigste Bus von Maarja Küla nach Tartu fährt seit dem 1.11. nicht mehr, weil jetzt der Winterfahrplan gilt und ich könnte mich stundenlang darüber aufregen. Die Busse hier fahren in zwei Richtungen. Von Põlva nach Tartu und die gleiche Strecke wieder zurück. Maarja Küla liegt in der Mitte. Und selbst im Sommer kommen hier nur acht Busse am Tag: vier nach Põlva, vier nach Tartu. Das war aber kein Problem, denn nach Põlva kommt man auch mit dem Fahrrad (50 Min.) oder Auto (10 Min.). Und die Busse nach Tartu kamen zu folgenden Zeiten: 7.30, 10.30, 15.40, 20.00. Die ersten beiden Busse sind sinnlos, der Nachmittagsbus ist gut, um zum Sprachkurs zu fahren und am wichtigsten - am allerwichtigsten! - ist der Bus um 20.00uhr, weil du damit abends vor deinen freien Tagen in die Stadt fahren kannst. Ab sofort kommen aber nurnoch die mittleren beiden Busse. Lustigerweise kannst du trotzdem noch um 22.00Uhr von Tartu aus zurückkommen. Ich versteh es nicht. WARUM?

 

  • Ich wurde schon mehrmals nach meinen Arbeitszeiten gefragt und möchte das nochmal erklären: Ich habe keine festen Arbeitszeiten. Dabei gibt es eine Ausnahme, und das sind die Werkstätten. Da fange ich um 9.00Uhr an und höre um 16.30Uhr auf, mit festgelegten Pausenzeiten. Der Nachmittag ist dann frei. Ich bin immer drei Wochen am Stück im eesti maja und dann eine Woche in den Werkstätten. Wenn ich im Haus bin, fängt der Tag gegen 8.00Uhr mit dem Frühstück an und ist zuende, wenn gegen 22.00Uhr alle im Bett liegen. Natürlich kann man das so nicht stehen lassen, denn ich arbeite ganz sicher keine 14 Stunden am Tag. Dafür sitze ich dann eben zwischendurch mal am PC, oder gucke Fernsehen oder bin weniger aktiv. Man muss sich hier seine Pausen selbst nehmen. Und es ist ja auch so, dass du keine konstantes Arbeitspensum hast. Manchmal gibt es mehr zu tun, manchmal weniger. Wenn alle Bewohner auf der Arbeit sind und es nichts zu tun gibt, bin ich manchmal 2 Stunden lang "am Arbeiten", ohne auch nur einen Handschlag zu tun. Auf der anderen Seite kannst du dich aber auch nicht immer abgrenzen, wenn du frei hast. Das ist eben die Sache mit den Orten, die gleichzeitig Zuhause und Arbeitsplatz sind. Dafür muss man aber auch den Begriff "Arbeit" definieren, was mir hier manchmal sehr schwer fällt. Ich sehe die Dorfbewohner nicht als Patienten oder Kranke, ich sehe sie als Freunde. Natürlich arbeite ich mit ihnen und sie brauchen meine Hilfe im Alltag oder jemanden, der sie an die Regeln erinnert. Aber genauso sitzen wir abends zusammen und reden. Oder feiern im Dorfzentrum Geburtstage, essen Kuchen, tanzen... das ist keine Arbeit. Das ist Zeit verbringen mit Menschen, die man mag und mit denen man zusammen wohnt. Wenn dann plötzlich jemand wütend wird oder um jeden Preis ohne Schuhe raus in den Schnee rennen will und man irgendwie alles wieder in Ordnung bringen muss, dann arbeitet man. Und zwar nicht täglich von 8.00-18-00Uhr. Sondern dann, wenn es angebracht ist und wenn man gebraucht wird.

 

  • Wie kann die Zeit so schnell vorbei gehen? Es ist schon November. NOVEMBER! Es ist mittlerweile nachmittags schon um 17.00Uhr dunkel, und wenn ich sage, es ist dunkel, meine ich nicht, es wird dunkel. Ausserdem ist es kalt, wobei der Winter ja noch garnicht richtig angefangen hat (ich berichte in zwei Monaten erneut), und ich habe trotzdem irgendwie das Gefühl, als wäre der Sommer gerade erst vorbei. Und das ist er auch. Hier wechseln die Jahreszeiten so schnell und so klar voneinander abgegrenzt ineinander über, dass man sehr bewusst mitbekommt, wie sich das Wetter ändert. Aber vieleicht liegt das auch nur daran, dass ich in Estland bin und mich das in Deutschland nie interessiert hat. Wer weiss.

 

  • Ich brauche nurnoch sechs Fahrstunden! Dann muss ich das dritte Modul beenden und zack-  erwarten mich schon die Prüfungen. Das Zweite Modul habe ich übrigens irgendwann zwischendurch gemacht, ohne auch nur eine Minute dafür zu lernen. Rekardo hat einfach gemeint, "Wir machen das jetzt zusammen", hat mich quasi zum Lehrer geschleift und dann ein bisschen Übersetzer gespielt. Mit der Bemerkung, dass wir uns beim dritten Modul mehr Zeit nehmen, hat dieser dann meine "Antworten" gelten lassen und seine Aufmerksamkeit nach kurzer Zeit dem nächsten Schüler gewidmet. Ich versteh's nicht. Aber hauptsache, ich hab bestanden. Lehrer gut, alles gut. Mhm.

 

  • Mein neues Lieblingswort ist pidžaama. Wollte ich nur kurz erwähnt haben.

 

  • Nächste Woche Dienstag habe ich schon Mid-term-training! Das ist so seltsam, denn dieses Seminar sollte eigentlich ca. nach der Hälfte des Freiwilligendienstes stattfinden und nicht nach drei Monaten... Aber was soll's, die Truppe aus Pärnu ist wieder zusammen. Dieses Mal sind wir zu sechst: Philipp, Gaia, Maria und ich kennen uns schon vom On-arrival-training; zusätzlich ist noch Pavel mit dabei (tschechischer Freiwilliger auch in Maarja Küla, jetzt seit 6 Monaten hier) und noch eine. Es wird bestimmt wieder richtig cool! Gerade warte ich aber noch auf die Email, wo das Training überhaupt stattfindet, drüber wissen wir nämlich nichts. Und ich finde es irgendwie lustig, dass auf dem Training von sechs Freiwilligen die Hälfte aus Maarja Küla ist. Philipp, Pavel und ich arbeiten alle im gleichen Projekt, und obwohl Pavel schon doppelt so lange hier ist wie wir, gehen wir zum gleichen Mid-term-training. Heli, die vierte Freiwillige in Maarja Küla, ist schon seit 8 Monaten hier und hat das Training bereits hinter sich. Wir werden sehen, wie's wird. Ich freu mich jedenfalls drauf.

 

  • Bald findet zum 12.Mal das jährliche Benefizkonzert "KUULA PALUN! " für Maarja Küla statt. Eins ist in Tallinn und eins in Tartu. Ich werde mir das in Tartu angucken und bin echt schonmal gespannt, das scheint immer eine Riesensache mit ganz vielen (in Estland) bekannten Sängern zu sein. Ich stelle mir das echt schön vor!

 

So, genug für heute!

Bis bald

Anna

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Tue

30

Oct

2012

Talv on käes!

Das ist der erste Blogeintrag mit einer estnischen Überschrift und das hat auch einen ganz einfach Grund: Seit Donnerstag macht mir das Wetter nochmal mehr als deutlich klar, dass ich jetzt in Estland wohne. Es hat geschneit! Schon seit Wochen reden alle darüber, dass es bald schneien soll. Und am Donnerstag war es soweit, nachmittags gings los und schon nach kurzer Zeit war alles von einer weißen Schicht bedeckt, die am nächsten Morgen eine Dicke von 20cm erreicht hatte. Ich habe noch nie erlebt, dass sich eine Landschaft so schnell komplett verändern kann. Über Nacht wurde aus dem gemütlich-herbstlichen Wald ein Winterwunderland:

Das war sehr interessant, denn am Freitag bin ich mit Rekardo nach Pärnu gefahren, wo wir sowohl auf glatter und rutschiger Straße gefahren sind, wie auch in der Dunkelheit (an einem Simulator, der mehrere Situationen vorgegeben hat). Unser Fahrlehrer hat uns morgens um 6.00Uhr im Dorf abgeholt, um 7.00Uhr ging es mit zwei weiteren Fahrschülern los und gegen 10.00Uhr waren wir in Pärnu. Auf der Fahrt habe ich die meiste Zeit geschlafen, aber ein paar Dinge möchte ich erwähnen:

1. Wenn die Erde, die Bäume und der Himmel in genau dem gleichen Weißton strahlen, ist das ein wunderschöner Anblick, den man so schnell nicht mehr vergisst.
2. Ich bin zum zweiten Mal Waldtieren auf der Straße begegnet. Uns ist zwischendurch ein Reh vors Auto gelaufen, es ist aber nichts passiert. Vor ein paar Wochen hat eine Wildschweinmutter mit ihren Jungen die Fahrbahn überquert, aber auch da ist nichts passiert. In Estland ist man solche Situationen gewöhnt und die Menschen reagieren entsprechend gelassen.
3. Da wir morgens sehr früh schon losgefahren sind, waren natürlich noch nicht alle Straßen gestreut. Wir hatten noch weniger Gegenverkehr als üblich, und so sind wir einfach in der Mitte der Straße gefahren, wo andere Autos schon Spuren auf der Bahn hinterlassen hatten. Kam doch mal ein Auto, wurde langsam aneinander vorbeigefahren, nur um dann wieder in die Mitte der Straße zu wechseln. Der Mittelstreifen schien unter dem Schnee seine Bedeutung verloren zu haben. Aber natürlich sah das auf der Rückfahrt mit normalem Verkehr und auf geräumten Straßen dann etwas anders aus.
4. Wir haben uns zwischendurch ein wenig darüber amüsiert, dass wir genau am ersten Tag mit Schnee ins 200km entfernte Pärnu fahren, um ein extra Wintertraining zu absolvieren, wo wir die Straßenglätte doch jetzt direkt vor der Haustür haben. Natürlich war das Training trotzdem sinnvoll und auch spannend, denn wir haben z.B. mehrmals die Kontrolle übers Auto verloren, was zu drei, vier schlitternden Drehungen um die eigene Achse geführt hat. Das muss ich nicht unbedingt außerhalb vom Übungsgelände erleben.
Diese "Extremsituationen" habe ich aber momentan auch während der ganz normalen Fahrstunden. Heute bin ich aus Põlva zurück nach Maarja Küla gefahren (machen wir öfters als Abschluss, dann müssen wir nicht den Bus nehmen).Es war dunkel, die Straße war glatt und es tauchten immer mal wieder Nebelwolken auf, die hier aber auch nicht gerade selten sind. Auf die Tatsache, das ich keinen Unfall gebaut habe, kann ich also schon fast stolz sein. Ich bin aber auch mit 50km/h über die Landstraße getuckert. Auf jeden Fall bin ich jetzt super für alle Wetterbedingungen gerüstet.

Eigentlich wollte ich noch ein paar mehr Themen ansprechen, aber es ist doch schon irgendwie spät und ich will schlafen gehen. Bis zum nächsten Eintrag lasse ich mir nicht so viel Zeit, versprochen. Und zum Schluss noch die Auflösung zur Überschrift: Alle waren ganz begeistert vom ersten Schnee, und eine Bewohnerin ist überglücklich rumgerannt und hat die ganze Zeit ganz aufgeregt immer den gleichen Satz wiederholt: "Talv on käes! Talv on käes!" Ich fand das so süß, dass dieser Satz mir am meisten von allem in Erinnerung geblieben ist. Und Recht hat sie:

Der Winter ist da!


Liebe Grüße
Anna

 

PS.: Mehr Schneebilder in der Galerie!

 

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Wed

17

Oct

2012

Fahrschule und die Bettler in Tartu

Hallo an alle,

erstmal im Anschluss an meinen letzten Eintrag: Ich habe sowohl die "Zwischenprüfung" wie auch den Erste-Hilfe-Kurs 'erfolgreich' abgeschlossen. Nach der Theoriestunde bin ich zum Lehrer gegangen und habe gesagt, dass ich gerne das erste Modul beenden würde. Dann hab ich mich hingesetzt und er hat die wichtigsten Verkehrsschilder abgefragt. Zum Glück hatte ich tatsächlich die meisten Wörter behalten, und ein paar Mal habe ich notdürftig die Bedeutung erklärt, weil mir der estnische Name nicht eingefallen ist ("Mehr darfst du nicht" für Höchstgeschwindigkeit :D). Als er dann zu den mehr als 50 Fragen übergegangen ist und willkürlich die erste ausgewählt hat, habe ich natürlich genau die überhaupt nicht verstanden. Er hat noch ein, zwei Mal nachgefragt und dann entschieden, dass er mir die Fragen erspart und direkt unterschreibt. Viel guter Wille also. Danke!

 

Dann hatte ich jetzt am Samstag esmaabi koolitus, um für den Notfall gerüstet zu sein. Um 10.00Uhr ging's los und die ersten zwei Stunden lauschten wir einem Vortrag über alle Möglichen Dinge, die mit Erster Hilfe zu tun haben. Danach wurde eine Plastikpuppe ausgepackt, die von jedem mal wiederbelebt werden durfte. Dabei gab es immer drei Leute: den ersten am Unfallort, denjenigen, der zur Hilfe dazueilt und den, der den Notruf entgegennimmt. Der praktische Teil war ziemlich lustig, denn die Notrufzentralen wurden mit der Zeit immer fauler. Anstatt den Anrufer nach dem genauen Unfallhergang und -ort, der Anzahl und dem Zustand der Verletzten sowie den schon geleisteten Hilfemassnahmen zu fragen, kam bald nurnoch ein demotiviertes "Alles klar, wir kommen", was als Antwort auf die Aussage "Ich habe einen ohnmächtigen Mann gefunden, er atmet nicht" schon etwas knapp ist :D.

Später haben wir die stabile Seitenlage am lebenden Objekt geübt. Das war etwas seltsam, denn die Lehrerin hat an zwei verschiedenen Jungs gezeigt, wie es richtig geht und dabei keine Berührungsängste gehabt (was im Notfall natürlich angebracht, im sicheren Klassenraum allerdings komisch ist). Dazu kommt noch, dass die Esten mit Berührungen eher sparsam umgehen und Fremden gegenüber erstmal etwas zurückhaltend sind. Und dann wirst du direkt von einer wildfremden Frau hin und her gedreht oder musst selbst fremde Leute in die richtige Lage schieben und zerren. Zum Glück musste das nicht jeder machen, sodass ich mir das Ganze einfach nur in Ruhe angeguckt hab. Am Ende gabs noch einen Test, der mich ganz schön ins Schwitzen gebracht hat, weil ich dachte, dass das Ergebnis total ausschlaggebend für die Fahrschule ist. Haha. Am Ende haben wir zusammen wir zusammen die Ergebnisse verglichen, sodass ich dann einfach schön brav immer das Richtige angekreuzt habe (psssst). Dann hiess es abgeben und ab nach Hause. Puh.

Am 26. fahr ich nach Pärnu, was erstens eine Langstreckenfahrt ist und zweitens ein Winterfahrtraining, was dort auf einem Extragelände stattfindet. Da freu ich mich schon drauf!

 

Im Dorf habe ich jetzt zwei eigene kleine Projekte:

1. Im eesti maja hängt eine Collage von den Bewohnern und Betreuern des Hauses, die aber schon seit Jahren nicht mehr aktualisiert wurde. Ich habe von jedem neue Fotos gemacht und hänge die Bilder in neuem Design an die Wand.

2. Immer Montags um 14.15Uhr findet jetzt mein muusikaring statt, wo ich mit den Bewohnern Weihnachtslieder einstudieren und sie ein bisschen im Umgang mit Instrumenten fordern will. Das macht sehr viel Spass, weil ich da auch Querflöte spielen kann und es die meisten uns bekannten Weihnachstlieder auch auf estnisch gibt. Und zu einem der Bewohner, mit dem man schwer in Kontakt kommt, ist Musik ein super Zugang. Allerdings ist da immer noch eine andere Mitarbeiterin mit dabei, die mir ein bisschen zu viel die Führung übernimmt, da das ja ganz ausdrücklich meine Stunde ist. Das wird sich aber sicher durch ein Gespräch klären lassen.

 

Was sonst noch so los war:

Ich habe die Dreistigkeit der städtischen Bettler kennengelernt. Wenn man am Bushof in Tartu ist, wird man sehr schnell nach Geld gefragt. Oder nach Zigaretten. Oder nach Geld für den Bus. Oder ob man vielleicht ein paar Flaschen Bier kaufen kann. Als Gegenleistung kann man sich seine Zukunft wahrsagen lassen und kriegt auch noch die innigsten Wünsche für viel Glück und Erfolg im Leben. Die Bettler sind meistens obdachlos, aber nicht drogenabhängig, ausgenommen Alkohol. Man erkennt sie auch weniger am Aussehen als am Verhalten. Einmal habe ich auf der Strasse beobachtet, wie ein Bettler einen Jungen (ca. 20) angepöbelt hat. Das ganze ist in eine Art Schlägerei ausgeartet, weil der Bettler nicht aufgehört hat, den Jungen zu beschimpfen und zu bedrohen. Sehr gefährlich wars aber nicht, weil der Mann viel zu betrunken war, um wirklich zuzuschlagen und der Junge ihn mit Leichtigkeit auf den Boden geworfen hat. Das ging noch eine Weile so weiter, bis der Mann mit Blut an der Stirn abgezogen ist. Das Ganze ist direkt an einer sehr belebten Bushaltestelle mit vielen wartenden Menschen passiert.

Das Zweite grössere Treffen mit einer Bettlerin hatte ich eines Abends, als ich zurück ins Dorf fahren wollte und auf den Bus gewartet hab. Nach kurzer Zeit kam ein Bewohner mit seiner Mutter, und wir haben ein bisschen geredet,  ich habe die Mutter zum ersten Mal getroffen und mich vorgestellt. Dann hat die Mutter ihrem Sohn 5€ gegeben, wovon er 2€ fürs Busticket brauchte. Sie ist kurz darauf wieder gegangen, weil ihr Sohn selbstständig genug ist, um selbst auf den Bus zu warten und sie ein wenig in Eile war. Ein paar Minuten war alles in Ordnung, dann kam eine Frau, die uns schon vorher beobachtet hatte, hat ihn nach 5€ gefragt und er hat ihr ohne zu Zögern den Geldschein in die Hand gedrückt. Dann hat sie angefangen, ihm alles Gute zu wünschen und was weiss ich nicht was, in der Hinsicht sind sie ja ganz nett, die Leute. Aber ich war total verwirrt und wusste in dem Moment auch nicht mit Sicherheit, ob die Frau vielleicht eine Bekannte ist oder nicht. Also hab ich mich mit ihr unterhalten und ein wenig nachgehakt. Als sie mich dann auch nach Geld gefragt hat, wusste ich, was Sache ist. Also habe ich dann versucht, sie davon zu überzeugen, dass die 5€ nicht ihr gehören und dass sie sie doch bitte wieder zurück geben soll. Sie war sehr geschickt darin, mir Fragen zu stellen und mir Komplimente zu machen, sodass ich immer wieder zum Thema zurückkehren musste. Sie war der Meinung, dass das Geld jetzt ihr Eigentum ist, weil der Bewohner es ihr ja freiwillig gegeben hat. Weil ich nicht wusste, wie ich es anders erklären soll, habe ich geradeheraus gesagt "Aber er ist behindert, er weiss nicht was er tut". Das war mir sehr, sehr unangenehm, schliesslich sass er direkt neben mir und ist voll und ganz in der Lage, zu verstehen was ich sage. Aber wenigstens hat es funktioniert. Nach der gefühlt zehnten Aufforderung hat sie endlich die 5€ zurückgegeben, um dann auf russisch etwas zu sagen, was ich der Stimmlage zu urteilen als Schimpfworte aufgefasst habe. Ich bin noch ein bisschen wütenter geworden und hab ihr gesagt, sie soll den Mund halten und gefälligst nicht auf russisch mit mir reden, weil das verdammt unhöflich ist wenn der Andere nichts versteht. Dann hat sie blöd geguckt und ist weggegangen. 1:0 für mich!

 

Bis bald

Anna

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Tue

02

Oct

2012

Lernen, lernen, lernen...

Langsam wird es ernst in der Fahrschule. Am Donnerstag soll ich das erste Modul (von dreien) beenden, was bedeutet, dass ich alle Verkehrszeichen kennen muss, sowie zufällige Fragen aus einer Auswahl von 50Stück im direkten Gespräch mit dem Lehrer beantworten können muss. Wenn ich das nicht hinbekomme, darf ich keine weiteren Praxisstunden mehr nehmen, bis ich das Modul beendet habe. Das ist also so eine Art Zwischenprüfung, die ich auf jeden Fall bestehen muss, und später folgen noch zwei weitere dieser Art, bis mich dann am Ende die abschließenden Fahr- und Theorieprüfungen erwarten, die vom Charakter her genauso sind wie in Deutschland. Vor den Abschlussprüfungen habe ich aber keine Angst, denn beim Fahren kommt es "nur" auf meine Fähigkeiten an, und bisher mache ich mich ganz gut. Da es beim Fahren meistens im Großen und Ganzen um das Gleiche geht, komme ich dabei schon ziemlich gut klar. Ich verstehe, ob ich nach links oder rechts fahren soll, wenn ich den Gang wechseln soll, den Blinker vergessen habe, zu viel/wenig Gas gebe und wann ich bremsen soll. Diese Aussagen wiederholen sich jedes Mal aufs Neue und ich habe nur ganz selten mal Verständnisschwierigkeiten.

Die Theorieprüfung kann ich auf Englisch machen, was mir eine Menge Druck von den Schultern nimmt. Auf der einen Seite ist es ein wenig lästig, dass ich jetzt noch zusätzlich englische Vokabeln pauken muss, aber auf der anderen Seite ist die estnische Grammatik so kompliziert und verworren, dass ich mir wirklich nicht zutraue, die Prüfung auf Estnisch zu machen. Bei diesen Multiple-Choice-Fragen haben ja viele schon in Deutschland Probleme, weil die Fragen fies formuliert sind oder ähnliches. Und gerade hänge ich in dem Stoff für Donnerstag und habe ein klein wenig Angst, dass ich vielleicht versagen könnte. Doch ich habe einen kleinen Ausländervorteil, denn weil jeder weiß, dass ich die Sprache nicht so gut kann, muss ich auch nicht so perfekt sein, wie die anderen. Ich lerne gerade also erstmal die Namen der Straßenschilder auswendig, was mich schon genug fordert. Dabei geht es ums reine Vokabellernen, ich wusste nämlich schon vorher, was ein Zebrastreifen ist :) Die offizielle estnische Bezeichnung dafür ist übrigens reguleerimata ülekäigurada, was neben tõkkepuuta raudteeülesõidukoht für "unbeschrankter Bahnübergang", lõikumine jalgrattateega für "Radweg kreuzt" und samaliigiliste teede ristmik für "Vorfahrt achten"  zu meinen Lieblingswörtern gehört. Die Wörter machen aber zum Glück durchaus Sinn, und wenn man neue Wörter nicht gleich versteht, erkennt man doch manchmal Teile daraus.

Das beste und extremste Beispiel dafür ist wohl tõkkepuuta raudteeülesõidukoht. Als erstes habe ich mich gefragt, wie zur Hölle ich mir das denn bitte jemals merken soll. Aber in seine Einzelteile zerlegt habe ich bereits einiges verstanden: puu bedeutet Baum, die Endung -ta ist genau wie die deutsche Endung -los, ich kannte das Wort raudteejaam für Bahnhof (außerdem tee für Straße), -üle- hat immer was mit "über / drüber" zu tun, sõidu muss irgendwas mit "fahren" zu tun haben (sõiduki = Fahrzeug, sõitma = fahren, sõidutund = Fahrstunde) und koht kenne ich auch schon, das heißt "Ort" oder "Stelle". Die fehlenden Übersetzung für tõkk ist "Hindernis". Die folgenden Ausdrücke haben im deutschen nochmal ein eigenes Wort:

 

tõkk + puu = tõkkepuu

 Hindernis + Baum = Schranke

 

raud + tee = raudtee

 Eisen + Weg = Schiene

 

Jetzt also schlussendlich zur Wort-für-Wort-Übersetzung, die aus vielen kleinen Teilen besteht:

 

tõkkepuu-ta raudtee-üle-sõidu-koht = schranken-lose Schienen-über-fahr-stelle

 

Sowas ist vielleicht nicht jedermans Sache, aber ich habe durchaus Spaß daran, die Wörter nicht einfach nur auswendig zu lernen, sondern auch wirklich zu verstehen. Außerdem hilft es ungemein, denn besonders lange und komplizierte Wörter kann man sich fast unmöglich behalten, wenn man nicht wenigstens ungefähr die Bedeutung versteht. So hat also auch tõkkepuuta raudteeülesõidukoht seinen Schrecken für mich verloren. Ich mache mich jetzt mal wieder an die Arbeit, denn es warten noch viele, viele Wörter auf mich:

Ich muss mir immer wieder sagen, dass ich als Belohnung später meinen estnischen Führerschein in den Händen halten darf, denn die Motivation geht zwischendurch spazieren und verirrt sich im Wald. Am Wochenende lege ich die Beine hoch und mache garnichts. Soo!

 

Alles Liebe und bis bald

Anna

 

PS.: Hab grade eine Email bekommen mit dem Lernstoff für den Erste-Hilfe-Kurs nächsten Samstag. 19 Seiten. Juhu.

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Mon

24

Sep

2012

Heute bin ich unkreativ!

Mir fällt absolut kein passender Titel ein, denn heute möchte ich einfach nur ein paar ungeklärte Fragen von euch beantworten, denn wirklich viel neues ist eigentlich nicht passiert. Mir geht es weiterhin super.

 

1. Du hast geschrieben, dass du dein Handy im Bus verloren hast. Ist es wieder aufgetaucht?

Ja, auch wenn das ca. 2 Wochen gedauert hat. Ich habe bei der Busgesellschaft angerufen und habe gesagt bekommen, dass sie mir leider nicht weiterhelfen können. Drei Tage später habe ich es nochmal versucht und siehe da, mein Handy war am Bushof in Põlva, bereit um abgeholt zu werden. Dafür musste ich natürlich erstmal auf meinen nächsten freien Tag warten, was nochmal ein paar Tage Warten bedeutet hat. Als ich dann eines Abends um 19.00Uhr beim Bushof vorbeigeschneit bin, hat mir die Putzfrau erklärt, dass zwar die Wartehalle bis 20.00Uhr geöffnet ist, die Kasse aber nur bis 17.00Uhr (Tickets werden normalerweise beim Busfahrer gekauft). Also weiterhin: kein Handy. Da die nächste Gelegenheit, nach Põlva zu kommen, nochmal ca. eine Woche auf sich warten ließ, war ich also ganze zwei Wochen ohne Handy unterwegs. War allerdings kein Drama, weil ich unter der Woche ja eh immer im Dorf bin. Ich bin glücklich, dass ich es überhaupt wiederhabe und mir nicht alle (estnischen UND deutschen) Nummern neu erfragen muss. Also, alles gut. PS.: Ich habe schon seit längerem eine estnische Nummer, die deutsche anzurufen ist also sinnlos. Die neue Nummer gibt's unter Kontakt.

 

2. Was ist das "eesti maja"?

"Eesti maja" bedeutet übersetzt "estnisches Haus" und ist der Ort, an dem ich arbeite. Hier im Dorf gibt es fünf Familienhäuser (in denen die Bewohner wohnen). Sie sind nach den jeweiligen Sponsoren benannt, die den Bau ermöglicht haben, bzw. der Herkunft derselbigen:

  • Rootsi maja -> Schwedisches Haus
  • Põhjala maja -> Nordisches Haus (Norwegen, Schweden, Finnland)
  • Eesti maja -> Estnisches Haus
  • Saksa maja -> Deutsches Haus
  • Sõbra maja -> Haus der Freunde (eine Art Förderverein)

Daneben gibt es noch folgende Gebäude im Dorf:

  • Vana maja -> Altes Haus (Zimmer der Freiwilligen, Küche und noch ein paar andere Räume)
  • Külakeskus -> Dorfzentrum (Büro, Gemeinschafts- und Konferenzräume)
  • Töökoda -> Workshop-haus (Schule und Arbeitsplatz für die Bewohner)
  • Sauna -> natürlich!

 

3. Wie funktioniert das Kaffee-peeling?

 Das Kaffee-peeling ist eine klasse Sache, die ich vielleicht auch in Deutschland weiter "zelebrieren" werde. Eine Sauna ist zwar nett, aber nicht zwingend notwendig ;-). Das Ganze ist kurz gesagt ziemlich simpel: Man schmiert sich einfach überall mit benutztem Kaffeepulver ein.

Man kann das nebenbei machen (zB jeden Morgen nur fürs Gesicht) oder als Teil eines langen Saunaabends. Das sieht dann so aus: Vor jedem Saunagang duscht man sich und seine Sitzunterlage kurz ab. Man kann drinnen selbst bestimmen, wie heiß es sein soll, denn wenn es "zu kalt" wird, kippt man einfach mehr Wasser auf die Steine, die von einem richtigen Feuer erhitzt werden. Maria hatte an dem Abend Salz dabei, von dem wir sogar noch mehr geschwitzt haben, und das ist gut für den Körper und für die Haut. Meistens geht man mehrmals raus und rein, setzt sich zwischendurch im Handtuch nach draußen, redet ein bisschen, kühlt sich ab und kommt dann wieder zurück. Vor (oder nach) dem letzten Saunagang gibt es dann das Peeling: wir hatten zwei volle Gläser mit Kaffeepulver dabei, mit denen sich dann ordentlich am ganzen Körper eingerieben wird. Das öffnet die Poren und verhilft einem (echt wahr!) zu weicherer Haut. Wenn man fertig ist, wird alles wieder schön sorgfältig abgewaschen. Noch ein Saunagang ist nicht wirklich nötig, aber das erneute Schwitzen ist nochmal extra-positiv für die Haut. Wenn man dann fertig ist, macht es meistens Sinn, ganz zum Schluss nochmal richtig mit Shampoo und Duschgel zu duschen. Nach dieser Prozedur fühlt man sich einfach wunderbar. Und nebenbei bin ich mir jetzt sicher, dass ich mich hier eingelebt habe: Immerhin habe ich mich zusammen mit meinen Arbeitskolleginnen unter der Dusche mit Kaffee beschmiert und erst nachher gemerkt, dass das keineswegs schon immer alltäglich war.

 

Das war's mal wieder, bis zum nächsten Mal!

Anna

 

PS.: Wenn ihr übrigens irgendetwas nicht verstanden habt oder wissen wollt, schreibt mir ruhig ein Kommentar oder irgendwas und ich werde dann mein Bestes geben, das Rätsel zu lösen ;)

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Mon

17

Sep

2012

Kartoffelernte und Kaffeepeeling

Hallo allerseits,

 

in der letzten Woche habe ich direkt mehrere Dinge zum ersten Mal getan: Ich habe zum ersten Mal Kartoffeln geerntet, ich bin zum ersten Mal Auto gefahren, ich habe zum ersten Mal Äpfel gepflückt und ich hatte mein erstes Kaffeepeeling in der Sauna. Außerdem habe ich den ersten estnischen Pilz gesammelt und zum ersten Mal ein ganzes Wochenende im eesti maja geschlafen.

 

Jetzt muss ich erstmal wieder los, jemanden finden, der mich zur Fahrschule bringt. Also wird der Rest verschoben auf den nächsten Eintrag. Ein bisschen Spannung gehört doch irgendwie dazu ;)

 

Liebe Grüße

Anna

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Tue

11

Sep

2012

"Anna allein im Wald" und andere Alltagsgeschichten

Hallo meine Lieben,

 

das hier ist ein Blogeintrag, der als Entwurf schon etwas älter ist. Er ist etwas durcheinander und vorallem ziemlich lang, weil er mehrmals bearbeitet wurde. Auch habe ich manche Themen angesprochen, über die ich dann doch nicht geschrieben habe, aber ich glaube nicht, dass es Sinn macht, das alles jetzt wieder zu ändern. Also lest den folgenden Text einfach mit dem Wissen, dass er unvollständig, ducheinander und eine gute Woche alt ist:

Da bin ich wieder. Und ich weiß garnicht, wo ich mit erzählen anfangen soll... bei der Geschichte, wie ich innerhalb von einem Tag bei der Fahrschule angemeldet war, oder wie ich mein Handy im Bus verloren habe, wie ich mein Geld von Konto zu Konto schieben musste oder vielleicht schreibe ich doch lieber darüber, wie ich alleine in der Stadt zurechtkomme, wenn ich mich verlaufen hab? Genauso interessant ist aber doch, dass ich jetzt endlich meine estnische ID-Card habe, dass ich mich in der Umgebung immer besser auskenne, der Alltag wirklich zum Alltag wird und ich bis jetzt immernoch erst ein einziges Wochenende im Dorf verbracht habe.

Ihr seht schon, das ist garnicht so leicht.. ich denke, ich lege einfach mal los.

 

Kapitel 1: Fahrschule

 

Ich hatte mir ja schon in Deutschland vorgenommen, hier in Estland zur Fahrschule zu gehen. Wenn ich die Prüfungen bestehe, habe ich einen EU-weit gültigen Juhiluba (Führerschein) und das für nur 500€. Die einzige Bedingung für den EU-Führerschein ist, dass man mehr als 150 Tage im jeweiligen Land leben muss. Und in meinem Fall ist es auch sinnvoll, die Sprache zu sprechen, denn jede teooriatund wird auf estnisch gehalten. Da meine Sprachkenntnisse noch lange nicht auf "Fahrschulniveau" sind, erkläre ich euch mal kurz, wie es zu meinem ersten Besuch in der autokool kam:

Schon kurz nach meiner Ankunft im Dorf habe ich von Rekardo erfahren, dass er erst kürzlich in Põlva mit dem Führerschein angefangen hat. Daher habe ich beschlossen, mich ihm anzuschließen, sobald ich meine ID-Card habe, welche ich als Personalausweis überall in Estland benötige, wenn ich mich irgendwo anmelden will. Als ich diese dann endlich in den Händen hielt (das wird vielleicht Kapitel 1.2), habe ich mich mit Rekardo und Kertu zusammen an den PC gesetzt und eine Email an die Fahrschule geschrieben, dass ich gerne mehr Informationen zur B-kategooria hätte, weil ich bald mit dem Führerschein anfangen will. Und ich habe gefragt, ob ich das eksam auch in Englisch oder Deutsch machen kann. Diese Email habe ich am Wochenende verschickt. Montag morgen hatte ich die Antwort: "Klar, warum nicht, komm doch heute um 17.00 Uhr vorbei, da ist wieder Theoriestunde. Du musst wohl noch zum Arzt und bei der ersten Stunde kostet das 180€, die zweite Hälfte bezahlt man dann später." Ich war natürlich relativ perplex, weil ich nicht damit gerechnet hatte, sofort ein paar Stunden später schon anzufangen und außerdem hatte ich doch auch garkein Geld und beim Arzt war ich ja auch noch nicht gewesen?!

Die Tatsache miteinbeziehend, dass ich am selben Tag arbeiten musste, beschloss ich, der Fahrschule für nachmittags abzusagen. Für die Frau am telefoon jedoch schien es keine Rolle zu spielen, dass ich kein Geld und keine Bescheinigung vom arst hatte, sie wiederholte mehrmals ihre Einladung für den gleichen Tag. Ich beschloss also, um 17.00Uhr nach Põlva zu fahren, um offiziell mit dem Führerschein zu beginnen. Daraus ergaben sich mehrere organisatorische Fragen, die ich zu klären hatte:

1. Wie komme ich zur Fahrschule?

2. Wo ist die Fahrschule überhaupt?

Die Adresse und der Weg ließen sich dank GoogleMaps relativ leicht ermitteln. Doch die erste Frage war noch nicht geklärt. Es war relativ schnell klar, dass die einzige Möglichkeit, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, war, mit dem Fahrrad zu fahren.  Mit dem Bus wäre ich entweder drei Stunden zu früh oder zwei Stunden zu spät angekommen und zufuß ist man gute 2,5 Stunden unterwegs.

Eine Bewohnerin war so nett, mir ihr Fahrrad zu leihen (aber nur unter der Bedingung, dass ich wieder zurückkomme) und mehrere andere Personen halfen mir dabei, auch ein Fahrradschloss und einen Helm zu organisieren.

 

Als ich dann also endlich fahrbereit war und mich gerade auf den Weg machen wollte, fing es an, wie blöde zu regnen. Das hieß, dass ich mir auf die Schnelle auch noch ein Regencape organisieren musste. Zum Glück ging das relativ zügig, sodass ich dann endlich los konnte. Die Fahrt durch den strömenden Regen dauerte ca. 45 Minuten, währenddenen ich genug Zeit hatte, mich über diesen komischen Tag zu wundern (denn eigentlich wollte ich ja "einfach nur" arbeiten).  Mit ein paar Minuten Verspätung in der Fahrschule angekommen (die ich auch erstmal finden musste...), lauschte ich dann also meiner ersten Theoriestunde, von der ich rein garnichts verstand. Nachher im Büro wurden dann die vertraglichen Dinge geregelt ("Sag uns einfach Bescheid, wenn du das Geld hast"), und ich beschloss, nachher mit Huko über die Arztbescheinigung zu reden.

 

Da ich das erste Mal seit einer Woche wieder in der "Stadt" war, schaute ich noch beim Supermarkt vorbei und schickte endlich ein paar Postkarten ab, die dringend überfällig waren. Da ich die Postkarten dort erst kaufen und schreiben konnte (das gehört zum Thema "Bankkonten"), achtete ich nicht so sehr auf die Zeit und bekam einen gewaltigen Schreck, als ich merkte, dass es langsam dunkel wurde.

Die Rückfahrt fand also weitestgehend im Dunkeln statt, was für mich als Stadtkind auf estnischen Straßen im Wald ohne Beleuchtung besonders interessant war. Komischerweise kam mir zwischendurch der Text von "Hänsel und Gretel" in den Sinn und ich beschloss, ab jetzt nurnoch bei Tageslicht durch die Gegend zu fahren. Dazu muss man sagen, dass es absolut keinen Grund gibt, in so einer Situation Angst zu haben. Aber ich bin Straßenlaternen gewohnt und da war es dann doch etwas seltsam, mit 2 Metern Sicht über verlassene Landstraßen zu fahren. Und ihr müsst auch nicht glauben, dass es hier viele Verkehrszeichen gibt. Wenn man an eine Kreuzung kommt, gibt es selbstverständlich ein Schild, wohin diese Straße führt. Aber komm hier erstmal an eine Kreuzung... ich muss auf meinem Weg in die Stadt nur ein einziges Mal abbiegen, was bedeutet, dass ich quasi 45 Minuten geradeaus fahre. Und die Zeit zieht sich, wenn es stockduster ist... Ich war wirklich glücklich, als ich endlich in Taevaskoja angekommen war, dem 20-Häuser-Örtchen in der Nähe. Dann ging es aber nochmal eine Viertelstunde durchs Nichts, und weil Taevaskoja schon hinter mir lag, habe ich jede Sekunde damit gerechnet, endlich unsere Bushaltestelle am Straßenrand zu sehen. Aber dann kam und kam nichts... und ich habe überlegt, ob ich vielleicht nicht auf der richtigen Straße bin, was unmöglich ist, weil ich wie gesagt nur einmal abbiegen muss. Zuguterletzt habe ich aber natürlich Maarja Küla erreicht und bin, total überladen von viel zu vielen Eindrücken, sofort eingeschlafen.

Das war jetzt eine sehr detailreiche Geschichte, aber sowas muss ja auch mal sein ;-)

 

Gestern waren wir den ganzen Morgen Kartoffeln ernten und nachmitttags hatte ich meine erste Praxisstunde in der Fahrschule. Mittlerweile bin ich es gewöhnt, zweimal in der Woche mit dem Fahrrad hin und zurück zu fahren, und normalerweise fahre ich zusammen mit Rekardo, der ja auch seinen Führerschein macht. Die Erlebnisse aus dem Text, den ihr gerade gelesen habt, wurden also auch schon durch den normalen Alltag ersetzt.

 

Mehr aktuelle Informationen und den nächsten Blogeintrag gibt es Ende der Woche.

 

Liebe Grüße

eure Anna

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Fri

07

Sep

2012

Meine Meinung zum Begriff "geistig behindert" ...

Ich bin jetzt schon seit über sechs Wochen in Estland und weiß ganz genau, dass ich hier ein zweites Zuhause gefunden habe. Natürlich habe ich mittlerweile auch schon öfters mit den Menschen Kontakt gehabt, die ich in Deutschland "zurückgelassen" habe. Es tut gut, die vertrauten Stimmen zu hören und zu wissen, dass es immernoch jemanden gibt, der auf mich wartet, wenn ich in 10,5 Monaten wieder zurückkomme. Eine Sache fällt mir jedoch jedes Mal auf, wenn ich aufgefordert werde, von meiner Arbeit zu erzählen. Ich fange meistens damit an, dass Maarja Küla eine Lebensgemeinschaft für geistig behinderte Menschen ist und merke sofort, dass mir dieses Wort überhaupt nicht gefällt. Es ist so vorurteilsbelastet, dass es mir jedes Mal sehr negativ und abwertend vorkommt, es zu benutzen. Aber vielleicht geht es euch ja garnicht so?

In der offiziellen Beschreibung wird anstatt "mentally disabled" der Begriff "learning disability" benutzt. Wenn ich jedoch erzähle, dass ich mit Menschen mit Lernbehinderung arbeite, finde ich den Ausdruck sehr unkonkret und schwammig. Wie also beschreibe ich die Menschen, mit denen ich Tag für Tag zusammen lebe und arbeite?

 

Meiner Meinung nach gibt es keine Möglichkeit, die über 30 Bewohner von Maarja Küla in einem einfachen Satz zu beschreiben. Ab und zu benutze ich die offiziellen Diagnosen wie Trisomie 21/ Down-Syndrom oder Autismus. Aber auch das sind nur Krankheitsbilder, die einem zwar das Gefühl geben, einen Menschen besser zu kennen oder einschätzen zu können, die aber überhaupt nichts über den Charakter und damit über die Person selbst aussagen. Man hat vielleicht ein paar Reportagen über Trisomie 21 im Fernsehen gesehen - am besten noch bei RTL2 - und seitdem überträgt man alles, was man darüber weiß, auf jeden Menschen mit Trisomie 21, von dem man hört.  Das ist ein interessantes Phänomen bei geistigen Behinderungen (und jetzt benutze ich den Begriff doch...). Stellt euch mal vor, jemand erzählt, dass eine Freundin blind ist. Und dann trefft ihr diese Freundin einige Zeit später. Ihr wisst, dass sie blind ist und geht dementsprechend damit um. Aber ihr trefft trotzdem eine Fremde, die ihr erstmal kennenlernen müsst. Und jetzt erzählt euch jemand, dass ein Bekannter Autist ist. Wenn ihr denjenigen trefft, analysiert ihr automatisch sein Verhalten und versucht, es in das Schema von Autismus einzuordnen, dass ihr kennt.

 Natürlich ist diese Sichtweise total subjektiv und vielleicht liege ich auch falsch. Aber mir kommt es so vor, als ob "geistig Behinderte" oft nurnoch als solche wahrgenommen werden und nicht mehr als eigenständige, individuelle Persönlichkeiten. Unterstützt wird das natürlich noch, wenn dieser Begriff die einzige Beschreibung ist, die man kriegt. Deswegen versuche ich immer, auch das Verhalten und die Personen an sich zu beschreiben und von diesen Ausdrücken wegzukommen. Aber dann verliere ich mich wieder in endlosen Geschichten, so wie ihr mich kennt ;).

 

Um das Ganze jetzt also mal abzuschließen: Ich werde wohl weiter sagen, dass ich in einer Lebensgemeinschaft für geistig Behinderte arbeite und ich werde weiter das Gefühl haben, dass der Begriff unpassend ist. Aber wenigstens habe ich hier nun meine Meinung dazu gesagt: Jeder Mensch ist einzigartig und keine Krankheit oder Behinderung kann beschreiben, was diesen Menschen ausmacht!

 

Ich bin froh, das losgeworden zu sein und vielleicht habe ich ja den ein oder anderen zum Nachdenken angeregt oder bei manchen das Interesse für dieses Thema geweckt. Mich interessieren natürlich auch brennend eure Meinungen, also wenn ihr mal einen Blog-Eintrag kommentieren wollt, ist jetzt die richtige Zeit dafür ;)

Zum Abschluss noch ein Zitat von Carly, einem Mädchen mit einer unglaublichen Geschichte:

 

"Autism doesn't define me, I define autism."

 

Liebe Grüße

Anna

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Wed

05

Sep

2012

Ich habe den Blog nicht vergessen!

Ich nehme mir schon seit Tagen (bald Wochen) vor, nochmal einen ordentlichen Eintrag zu schreiben und habe gestern auch angefangen, aber in der letzten Zeit finde ich doch keine Ruhe dafür. Bitte entschuldigt also, dass ihr noch ein paar weitere Tage warten müsst. Mir geht es hier aber weiterhin gut, ich habe sogar schon in der Fahrschule angefangen und bin alleine mit dem Fahrrad nach Põlva und zurück gefahren... ansonsten geht die Arbeit hier weiter wie immer, was aber natürlich bedeutet, dass weiterhin jeder Tag aufs Neue Überraschungen für mich bereit hält. Ich kann aber mittlerweile behaupten, dass so eine Art Routine in mein Leben eingekehrt ist, was mir sehr gut gefällt. Mehr zu alledem aber wiegesagt im nächsten Eintrag, der auch nicht mehr allzu lange auf sich warten lässt.

 

Liebe Grüße ins ferne Deutschland (und in jeden anderen Teil der Welt)

eure Anna

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Thu

23

Aug

2012

Ich lebe mich immer mehr ein

Endlich komme ich nochmal dazu, in Ruhe einen Blogeintrag zu schreiben. In der letzten Woche war ich in Pärnu und dann habe ich seit Samstag durchgearbeitet. Ab heute habe ich aber wieder frei, und zwar ganze vier Tage am Stück :). Erstmal habe ich schön lange ausgeschlafen, mich in Ruhe fertig gemacht und dann den Rest des Tages ganz entspannt in den verschiedenen Häusern verbracht. Und wie ihr auf dem Bild sehen könnt, habe ich die Möbel in meinem Zimmer umgestellt. Ich hatte schon seit Wochen vor, mir mein Zimmer ein wenig persönlicher einzurichten, denn es war noch viel Dekoration von der Freiwilligen vor mir an den Wänden. Jetzt habe ich endlich das Gefühl, dass es wirklich voll und ganz mein Zimmer ist. Und außerdem ist es wieder aufgeräumt :D.

 

 

Das Seminar in Pärnu war wirklich nett. Wie ich schon geschrieben habe, waren wir insgesamt nur zu sechst. Dadurch konnten wir viel mehr auf persönliche Themen eingehen und uns auch individueller und genauer kennen lernen. Wir haben mehrere Übungen zu unserer persönlichen Motivation gemacht, wie z.B., dass jeder von uns seinen Lebensweg bis zum EFD aufmalen musste, wobei es besonders darum ging, welche Erlebnisse, Einflüsse und Entscheidungen dazu beigetragen haben, dass wir nun hier in Estland sind und einen Freiwilligendienst machen. Das war sehr interessant. Außerdem haben wir Postkarten im DIN A2-Format geschrieben, auf der wir unser Projekt beschreiben sollten. Die Postkarte habe ich mir jetzt  in mein Zimmer gehangen. Und wir haben besprochen, wie man seine Ziele am besten erreicht, also vorallem, wenn man ein eigenes Projekt planen will. Dabei sind mir auch viele gute Ideen gekommen, von denen ich so viele wie möglich umsetzen möchte. Für mich persönlich am wichtigsten ist die Idee, dass ich mit den Einwohnern, die nicht sprechen können, am Computer arbeiten möchte. Ich hoffe, dadurch ein bisschen mehr Kommunikation möglich zu machen, da manche von ihnen sich so gut wie garnicht verständigen können. Inspiriert wurde ich durch folgendes Video, was ich unbedingt mich euch allen teilen möchte:

Natürlich erwarte ich keine Wunder und glaube auch nicht, in einem der Einwohner ein unentdecktes Genie zu finden, aber ich kann mir schon vorstellen, dass manche intelligenter sind, als der Großteil der Menschen von ihnen denkt. Und wenn ich nichts erreiche, habe ich auch nichts verschlimmert. Es wird sich herausstellen, was möglich ist und was nicht. Die Unterstützung von mehreren Leuten hier habe ich jedenfalls schon.

Damit kommen wir zum nächsten Thema: worin bestehen eigentlich meine Aufgaben hier im Dorf? Was mache ich den ganzen Tag? Das ist garnicht so einfach zu beantworten. Zusammenfassend kann man sagen, ich verbringe schlicht Zeit mit den Menschen. Ich helfe, rede, begleite, schlichte. Und manchmal gucke ich auch einfach nur fern.

Meistens jedoch ist die Arbeit anstrengender, als ich gedacht hätte. Das bedeutet nicht, dass sie keinen Spaß macht, denn anstrengende Momente gehen meistens mit schönen Erlebnissen Hand in Hand. Mein Arbeitstag fängt meistens zwischen 7.30Uhr und 8.00Uhr an. Das hängt davon ab, ob ich morgens das Mädchen im Rollstuhl fertig mache (Windel wechseln und anziehen),  ob ich das Essen mache (ist erst einmal vorgekommen, dafür muss ich noch lernen, wie man den typisch estnischen Porridge macht) oder ob ich erst zum Frühstück komme. Die Woche ist grob gegliedert und es gibt jeden Tag unterschiedliche Aktivitäten. Hier mal als Beispiel der aktuelle Wochenplan aus meinem Haus:

TAG

  • 8.10 Frühstück
  • 9.00 Arbeit und Schule
  • 11.00-11.30 Teepause
  • 13.10 Mittagessen
  • 14.00 Arbeit und Schule
  • 16.30 Freizeit
  • 18.30 Abendessen
  • 23.00 Nachtruhe

NACHT

 

In der obersten Spalte stehen die Namen für den Küchendienst, in der Mitte die Termine und Besonderheiten des Tages und ganz unten kann man sehen, welche Betreuer wann im Haus sind.


Montags ist immer nachmittags "Külakas", das Dorftreffen, an dem jeder teilnehmen kann, der will. Dort werden aktuelle Themen besprochen, Vorschläge gemacht und Änderungen diskutiert. Beim ersten Treffen haben Philipp und ich uns vorgestellt und die Bewohner durften uns Fragen stellen.

Dienstags und Samstags ist Saunatag, um 17.00 gehen die Männer, um 20.00 die Frauen und ab 22.00 sind die Arbeiter unter sich. Da kann es dann auch schonmal nette "Saunapartys" geben, oder auch nur ein nettes Zusammensitzen im Vorraum. Freitagnachmittags ist die wöchentliche Besprechung der Mitarbeiter, genannt "kaaselanike koosolek", ebenfalls freiwillig. Ich gehe manchmal hin, manchmal nicht, denn die Besprechung ist auf estnisch und es ist ganz schön anstrengend, zwei Stunden lang den Diskussionen zuzuhören, von denen ich mit Glück einige Fetzen verstehe. Samstags wird das Haus sauber gemacht und geputzt. Da ich aber bis jetzt nur an einem Wochenende gearbeitet habe, an dem das mit dem Putzen auch nicht ganz so streng genommen wurde, kann ich dazu nicht viel sagen. Eine sehr nette Regel finde ich, dass es jeden Sonntag zum Frühstück "pannkookid", also Pfannekuchen gibt. Der Rest ist sehr variabel, einmal in der Woche können die Bewohner einkaufen fahren, dann gibt es noch diverse individuelle Therapien und immer mal wieder so Dinge wie Fahrradausflüge oder Fußballspiele. Einmal im Monat spielen wir gegen eine andere Einrichtung namens "Erastvere". Letzten Monat haben wir auf unserem Fußballplatz gespielt, am Dienstag waren wir zu Gast. Dabei habe ich ein neues Wort gelernt, denn die Stadt, in der das Spiel stattgefunden hat, heißt Kanepi. Vor dem Spiel hat irgendjemand gefragt, ob man hier rauchen darf. Die Antwort war: "Muidugi, oleme Kanepis", und ich habe nicht verstanden, warum alle den Satz "Natürlich, wir sind in Kanepi" so lustig fanden. Ganz einfach, Kanep bedeutet Cannabis, und deswegen war die Antwort gleichzeitig sinngemäß "Natürlich, wir sind in Cannabis". Es gibt also auch in Estland seltsame Ortsnamen. Ein weiteres Beispiel dafür ist Põlva, der nächste Ort,  Põlv bedeutet nämlich Ferse. Am schönsten finde ich allerdings Taevaskoja, ein Örtchen mit 20 Häusern ein paar Kilometer von hier. Die Übersetzung ist ungefähr "Himmelszimmer" oder "Ort des Himmels".

Bei der Gelegenheit kann ich euch eigentlich auch mal die Bedeutung von "Maarja Küla" erklären. Maarja ist der Name von dem Mädchen, mit dem alles angefangen hat. Sie hat dem Dorf seinen Namen gegeben. Bitte fragt mich nicht nach der genauen Geschichte, die muss ich selbst noch herausfinden. Und küla ist schlicht das estnische Wort für Dorf. So einfach ist das, im englischen reden wir auch oft von "Maarja village", weil es genau das gleiche ist.

 

Nach diesem wirklich wortreichen Eintrag verabschiede ich mich jetzt mal wieder von euch, ich habe zwar morgen wieder frei, möchte aber trotzdem nicht allzu spät ins Bett gehen, denn morgen abend geht es wieder nach Tartu. Ach, und an alle, die in den nächsten Tagen Geburtstag haben: eure Postkarten werden leider zu spät ankommen, da ich in der letzten Zeit keine Gelegenheit hatte, in die Stadt zu fahren. Sie kommen aber definitiv irgendwann an ;)

 

Liebe Grüße

Anna

 

PS.: In der Galerie gibt es neue Fotos aus Maarja Küla und auch ein paar Bilder aus Pärnu!

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Wed

15

Aug

2012

Die Sommerhauptstadt Estlands

Sonnige Grüße aus Pärnu!

Am Montag hat mein On-arrival-Training angefangen. Wir sind in einem sehr netten und gemütlichen 3-Sterne-Hotel untergebracht, jeder hat sein eigenes Zimmer inklusive TV und zum Strand sind es nur ein paar Minuten. Die Gruppe besteht aus vier Freiwilligen und den beiden Teamern, von daher ist die Zeit hier ziemlich entspannt und familiär. Das Wetter ist schön, wenn auch nicht so warm wie in Deutschland, soweit ich weiß. Außer mir und Philipp sind noch eine Freiwillige aus Portugal und eine aus Italien da, und der eine Trainer ist aus Holland. Das bedeutet, dass wir eine sehr gemischte und interessante kleine Gruppe sind, in der logischerweise nur Englisch geredet wird, bis auf ein paar Fetzen Estnisch und Deutsch, die hier und da zu hören sind.

Das Seminar endet am Freitag, dann geht es wieder ab zurück ins Dorf und am Samstag werde ich pünktlich zum Frühstück im Eesti Maja erwartet.

 

Die letzte Woche  war sehr nett, auch wenn wenig besonderes passiert ist. Montag waren wir mit Huko bei der Polizei, um unsere ID-Kaart zu beantragen, mit der wir uns in Estland ausweisen und offiziell fünf Jahre hier leben können. Ich persönlich brauche die Karte vor allem, um mich bei der Fahrschule anzumelden. Glücklicherweise macht Rekardo, der ebenfalls in Maarja Küla arbeitet, auch gerade seinen Führerschein, sodass er mir bei einer Menge (zB organisatorischem) Zeugs helfen kann.

Am Mittwoch sind einige der Bewohner mit dem Fahrrad nach Taevaskoja und durch die umliegenden Wälder gefahren. Ich bin mitgekommen und muss sagen, dass es ein ziemlich netter, aber (vorallem wegen bestimmten Bewohnern) auch anstrengender Tag war.

 

Gestern haben wir hier beim Seminar den Film "The Pursuit of Happiness" geguckt, der (nochmal) sehr beeindruckend war. Jetzt gucken wir eine Dokumentation über die "Singende Revolution" in Estland und ich bin schon sehr gespannt, da nicht jedes Land sich mit Musik unabhängig gemacht hat. Gesang hat hier eine hohe Bedeutung und ich weiß peinlich wenig über die Hintergründe.

Also, bis zum nächsten Mal

eure Anna

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Wed

08

Aug

2012

Mir geht es weiterhin gut :)

Ich bin total müde, melde mich aber mal kurz, weil ich schon seit Tagen nochmal schreiben will. Wie die Überschrift schon verrät, hat sich meine Stimmung nicht groß verändert, ich bin weiterhin glücklich hier und jeder Tag hat neue Überraschungen zu bieten. Samstag war ich mit Heli und Pavel in Tartu, das war ein extrem lustiger und schöner Abend. Sonntag ist garnichts passiert, weil wir den ganzen Tag geschlafen haben. Doch, ich war mit Heli shoppen (hier haben die Geschäfte auch Sonntags auf) und habe ein tolles neues Kleid gekauft. Meine estnische Handynummer funktioniert endlich und diesmal haben wir den Bus nach Maarja Küla nicht verpasst (so wie nach dem Festival). Seit Montag ist wieder Arbeit und es passiert viel zu viel, um das hier aufzuschreiben. Es sind besonders die kleinen Momente, die diese Zeit so besonders machen. Ein Kommentar oder eine komische Situation, ein Lob oder ein neues estnisches Wort. Achja, mein Estnisch schreitet mit großen Schritten voran, aber natürlich passieren mir gerade weil ich viel ausprobiere auch viele Fehler, was die Grammatik angeht. Gestern zB wurde aus "Ich habe nach dir gesucht" ausversehen "Ich habe auf dir gewartet" (ootama & otsama ähneln sich halt ziemlich). Und wenn ich nicht nachdenke, sage ich oft total sinnlose Wörter, die man leicht mit den richtigen verwechseln kann. Aus Oota! wird Aitäh! (Danke! anstatt Warte!), aus Wo? wird Wer? und anstatt "Komm!" sage ich "Geh!".

Ihr verstehen, was will sagen?

 

So, mehr Text und Bilder später, ich mache morgen zum ersten Mal Frühstück und hab keine Geduld mehr, auf die Bilder zu warten, die hier im Schneckentempo hochgeladen werden.

 

Gute Nacht!

Anna

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Fri

03

Aug

2012

Die erste Arbeitswoche ist vorbei

Ich bin jetzt seit 9 Tagen in Estland und es kommt mir absolut nicht so vor. Auf der einen Seite kommt es mir vor, als wär ich schon eine Ewigkeit hier, ich habe mich im Dorf eingelebt, kenne viele Leute, werde überall sofort als Teil der Gruppe mit einbezogen, als wär ich schon immer hier und fühle mich absolut pudelwohl. Auf der anderen Seite ist die Zeit so schnell vorbei gegangen, dass ich garnicht glauben kann, dass es schon fast 2 Wochen sind. Ich bin doch gestern erst ins Flugzeug gestiegen?! Wenn das ein Urlaub wäre, wäre er jetzt schon wieder vorbei. Ich weiß, dass das irgendwie Unsinn ist, aber von der Seite aus betrachtet ist es eine lange Zeit...

 

Wie auch immer, ich liebe diesen Ort und die Menschen hier! Die Bewohner sind total liebe und interessante, aber manchmal auch anstrengende Menschen, mit total unterschiedlichen Behinderungen. Ich arbeite im Eesti Maja, dem schwierigsten Haus, und wir haben zwei Autisten (einer davon gehörlos), ein Mädchen mit Down-Syndrom, ein Mädchen im Rollstuhl mit Mehrfachbehinderung und drei Bewohner, von denen ich nicht genau weiß, was sie haben. Eine jedenfalls braucht eine spezielle Diät, weil sie nur Sachen essen darf, in denen pro 100g höchstens 1g Proteine drin sind. Und einer von den Autisten ist wirklich anstrengend, ich mag ihn total gerne, aber er ist.. sehr speziell. Er riecht an allem und jedem, rennt rum und redet mit sich selbst, fängt plötzlich an ununterbrochen mit beiden Händen auf den Tisch zu hauen und wenn ihm was nicht passt, fängt er an zu weinen und dabei laut schreiend zu fluchen. Er hat überhaupt keinen Bezug zu anderen Menschen und ich glaube, wir sind für ihn nur die Leute, die ihm sein Essen geben. Er singt für sein Leben gern und kann ca. 100Lieder auswendig.

 

Im totalen Gegensatz dazu gibt es im Dorf mehrere Bewohner, die ohne Pause am reden sind und sich bei dir über die unterschiedlichsten Dinge auslassen. Manche verstehen es, wenn ich ihnen auf Estnisch erkläre, dass ich nichts verstehe, manche ignorieren es oder hören es nicht. Dann mache ich es nach dem Motto "Einfach nicken und lächeln". Aber ich habe es auch schon geschafft, mit einigen Bewohnern richtige Gespräche zu führen, zum Beispiel, als ein Mädchen heute schlechte Laune hatte und sauer auf eine Betreuerin war. Eine andere Bewohnerin findet mich total toll, weil ich schon estnisch spreche und labert mich jedes Mal zu, wenn wir uns sehen, ohne zu merken, dass ich noch lange nicht alles verstehe, was sie sagt.

 

Das Essen ist anders, aber (meistens) lecker. Es gibt drei warme Mahlzeiten am Tag, morgens Griesbrei oder ähnliches, mittags irgendwas deftiges und abends nochmal Brei oder Suppe oder ähnliches, aber immer mit Brot. Am ersten Tag gab es Schweineleber, das war richtig ekelhaft, und ich hab mich schon auf das Schlimmste vorbereitet. Aber seitdem wars ok, meistens gibt es Reis, Kartoffeln oder Nudeln in verschiedenen Varianten und dazu verschiedene Soßen. Es ist ganz anders als das Essen in Deutschland (auch wenn es sich nicht so anhört), aber es schmeckt, wenn man sich erstmal dran gewöhnt hat.

 

Am schwierigsten waren am Anfang die Namen, aber mittlerweile kann ich mir zumindest die aus meinem Haus merken. Um euch mal eine Vorstellung zu geben, da gibt es Tairi, Kaire, Kertu, Kersti, Maire, Mairi, Marilin, Merlin, Meelis, Maerold, Leana, Lauris, Siiri, Janno und noch viele weitere nette Namen.

 

Morgen und übermorgen habe ich frei und in einer Woche fängt mein On-arrival-Training in Pärnu an. Das wird bestimmt auch super schön und wenn das Wetter so bleibt, kann ich weiterhin so oft baden gehen, denn Pärnu ist die "Sommerhauptstadt" Estlands :)

 

Jetzt gehe ich erstmal schlafen, morgen früh fahre ich nach Tartu und der Bus kommt um 7.30Uhr (es kommt nur 4x am Tag ein Bus).

 

Liebe Grüße

Anna

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Mon

30

Jul

2012

In Estland ist es NICHT kalt!

Das hier geht an alle, die glauben, in Estland gibt es keinen Sommer, weil es da ja eh immer nur kalt ist: Ich habe den übelsten Sonnenbrand meines Lebens! Zugegeben, ich bin selbst schlud, weil ich das Wetter selbst nicht für voll genommen hab. So nach dem Motto "Es ist zwar warm, aber das ist die estnische Sonne, die kann nicht so schlimm sein" :D Ich seh aus wie Rudolf the rednosed reindeer... alternativ auch tomato, strawberry... sucht euch was aus

Aber ich kann damit leben, das Festival war wirklich extrem cool, das ist einen Sonnenbrand wert! Wisst ihr, was irgendwie fies ist? Ich bin jetzt seit fünf Tagen in Estland und habe noch nicht einmal geduscht. Aber wartet! Bevor ihr mich jetzt ekelhaft findet, in Viljandi ist ein Strand und ein wunderschöner Fluss nebenan, ich war jeden Tag ungefähr 4 Stunden im Wasser, da ist also überhaupt nichts dabei ;) Sowieso war schwimmen bis jetzt irgendwie immer mit dabei: Mittwoch in Lettland am Strand und im Fluss in Maarja Küla, Donnerstag bis Sonntag der Fluss in Viljandi, gestern abend aber natürlich auch wieder der Fluss in Maarja Küla. Ich liebe es, in der Natur baden zu gehen :)

So aber ich muss eigentlich mal weiter schlafen, ich bin noch total zerstört von gestern, deswegen hoffe ich auch, dass ihr es mir verzeiht, dass der Eintrag ein wenig durcheinander ist ;) Von daher, guckt in die Galerie, denn "Ein Bild sagt mehr als tausend Worte" und bei so vielen Bilden kann ich mir die Worte eigentlich sparen. Ich werd bestimmt auch nochmal irgendwann Untertitel unter die Bilder tun, aber heute nicht.

In diesem Sinne bis bald

 

Anna

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Thu

26

Jul

2012

Welcome Home

Dieses Bild habe ich auf meinem Kopfkissen gefunden, in meinem neuen Zimmer, welches jetzt für ein Jahr mein Zuhause sein wird. Bis dahin ist aber eine ganze Menge passiert, von Heli, die mich am Flughafen mit den Worten "Welcome Home" begrüßt hat bis zu meinem ersten Saunagang war alles dabei. Es gab so viele wunderschöne, interessante und lustige Momente innerhalb dieser wenigen Stunden, dass ich mich schon jetzt fühle, als hätte ich immer hierhin gehört.

 

Am Flughafen habe ich direkt erstmal eine Stunde gewartet, weil das "Empfangskomitee" im Stau stand. Währenddessen ist aber auch Philipp angekommen und so lange wars auch garnicht. Judith hat Kohuke verteilt, einen Schoko-Quark-Riegel, der so gut ist wie sein Ruf, und Pavel ist direkt losgezogen, um Bier für die Fahrt zu kaufen. Es gab ganz schön viele, sagen wir mal, befremdliche Momente, aber es war total lustig.

Da wird eine zweispurige Landstraße schnell mal dreispurig, weil ein LKW-Fahrer beschließt, den anderen LKW zu überholen; während Pavel bei 90km/h über die Sitze nach vorne klettert und mir nebenbei die Eigenarten jedes Einwohners erklärt. Dann gibt es noch Frederic, der die ganze Fahrt  über schläft und auf alles mit "fuck" antwortet, während Pavel schon wieder blonden Lettinnen hinterher guckt und uns bei jeder Gelegenheit erklärt "I am drunk" :D.

 

Weil das Wetter so schön ist, beschließen wir, im Meer baden zu gehen; dabei wird dann auch geklärt, dass "the balic sea" kein "lake" ist und ich bewundere ganz insgeheim die unglaublich schöne Landschaft. Dann geht es weiter, nächster Halt Viljandi (an der estnischen Grenze wurde erstmal laut gejubelt und geklatscht), da fängt morgen das Festival an und ratet mal was Pavel für Pläne hat - natürlich: "Tomorrow I'm drunk".

 

Mittlerweile ist es schon Mitternacht, doch die stundenlange Fahrt im Minibus wird nicht langweilig, im Gegenteil. Entspannter und lustiger könnte die Atmosphäre nicht sein, eine unglaublich nette und bunte Mischung von Leuten und die Stimmung ist super. Ich beobachte die Umgebung - bin schließlich das erste Mal in Estland - und es stimmt: überall Wald! Man fährt stundenlang durch die Gegend, ohne auch nur ein einziges anderes Auto zu sehen und ohne das sich der Ausblick nennenswert ändert, aber dafür tauchen immer mal wieder Bushaltestellen mitten im Nirgendwo auf und man fragt sich, wer die wohl benutzt. Verstehen kann ich es aber, die Natur Estlands ist unglaublich schön und ich habe in Deutschland noch nie einen vergleichbaren Ort gesehen.

 

Nachdem wir in Tartu zu fünft durch den McDrive gegangen sind (Huko war mit dem Minibus kurz nach Hause, seine Katze füttern), geht es weiter ins Dorf.  Gegen 01.00Uhr kommen wir tatsächlich in Maarja Küla an und ich merke an den nun nicht mehr geteerten Straßen, dass wir nun wirklich an einem sehr abgelegen Ort sind (Wald war ja auch vorher schon überall).

 

Als erstes kurz die Koffer in die Zimmer, dann geht es ab in die Sauna, im Vorraum gibt's ne gemütliche Runde mit Bier und Kartoffeln (um 2.00Uhr nachts), und wer Lust hat, setzt sich ne Weile in die Hitze.

 

Zwischenduch noch mal schnell schwimmen im Fluss nebenan, fünf Minuten Fußweg im Dunkeln und als Belohnung eine unglaublich atemberaubende Aussicht und der schönste Sternenhimmel, den ich je gesehen habe. Danach wieder in die Sauna, zu bereden gibt es ja genug. So geht das dann weiter bis 4.00Uhr, langsam wird es wieder hell und wir beschließen, schlafen zu gehen.

 

Gleich gibt es um 10.00Uhr Frühstück, danach geht's ab nach Viljandi zum Folk Festival. Die Stunde für den Eintrag war's mir jetzt auch wert, denn nach Viljandi wird's wohl unmöglich sein, die Erlebnisse auch nur ansatzweise zusammenzufassen.

 

Von daher wünsche ich euch allen jetzt einen guten Morgen um 05.00Uhr estnischer Zeit und schaut doch mal in der Galerie vorbei, dann ergibt dieser Text vielleicht auch ein wenig mehr Sinn ;)

 

Tsau

Anna

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Mon

23

Jul

2012

Der letzte Tag in Deutschland...

  So schnell geht das also... ich gehe jetzt schlafen und wenn ich aufwache, ist mein letzter Tag in Deutschland angebrochen. Natürlich ist auch der voll durchgeplant, ich sehe zum letzten Mal meinen Vater und einige letzte Freunde, die mich abends nochmal besuchen kommen... zwischendurch muss ich auch noch mal in die Stadt und dann natürlich entgültig entscheiden, was ich mitnehme und was nicht. 20 Kilo sind einfach zu wenig Gepäck für ein Jahr. Auf dem Vorbereitungsseminar wurde uns gesagt, wir sollen packen, als ob wir für zwei Wochen in Urlaub fahren würden, aber das ist leichter gesagt als getan. Ich fahre ja nunmal nicht in Urlaub. Was ist wichtig genug, was nicht? Auf welche Erinnerungsstücke kann ich ein Jahr lang verzichten?

Ein Jahr... das sagt sich so schnell, aber es ist doch eine verdammt lange Zeit. Ich denke momentan nur an die nächsten Tage, vielleicht auch noch an die nächsten Wochen. Weiter reicht mein Vorstellungsvermögen aber nicht. Ein Jahr... da ist Weihnachten mit drin, ich werde einen echten estnischen Winter überstehen müssen und vielleicht im Schnee meinen Führerschein machen. Ich werde in Estland 20 und feiere in Estland Ostern... jeder, den ich kenne, hat in dieser Zeit Geburtstag und jeder lebt sein Leben auch ohne mich weiter... es ist grade doch ziemlich seltsam, dass ich Deutschland jetzt 364 Tage nicht mehr wiedersehe.

Aber denkt jetzt nicht, ich würde mich nicht freuen. Das tue ich, ich zähle sogar schon die Stunden runter :D Jetzt sind es noch genau 41. Einundvierzig Stunden, bis ich in Riga aus dem Flieger steige und dann mit einem Minibus ins Dorf kutschiert werde :)

   Auch wenn ich die Menschen hier wirklich sehr vermissen werde, ich bin total gespannt, wie die nächsten Tage werden. Ich fahre ja sofort aufs Viljandi Folk, werde sozusagen ins kalte Wasser geschubst. Aber das macht nichts, da kann ich direkt mal ausprobieren, wie weit ich mit meinem Estnisch wirklich komme. Ich wette, ich könnte mir noch nicht mal ein kaltes Wasser bestellen.

 

So meine Lieben, das wars auch schon wieder von mir. Nach diesem bestimmt unglaublich interessanten Einblick in meine Gedankenwelt verabschiede ich mich auch schon wieder von euch. Der nächste Eintrag kommt aus Estland. Dann ist das hier wirklich ein Auslandstagebuch und nicht nur so eine langweilige Seite von irgendeiner, die dauernd schreibt, wie sehr sie sich auf die Zukunft freut.

 

Gaaaaaaaaaaaaaaanz liebe Grüße

Anna

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Thu

19

Jul

2012

Die Zeit in Berlin war fantastisch!

Ich sitze gerade im Auto auf dem Weg nach Hause, denke über die vergangenen 5 Tage nach und lasse die Eindrücke auf mich wirken. Es ist so viel passiert, dass ich garnicht weiß, was davon am Wichtigsten ist und was davon euch überhaupt interessiert. Das ist der erste Eintrag in meinem Blog, den ich schreibe, weil ich das Gefühl habe, dass er wirklich relevant ist und tatsächlich in direktem Zusammenhang mit meinem Auslandsjahr steht.

Ich leg einfach mal los: Freitag bin ich gegen Mittag nach Berlin gefahren, kam abends an und habe die folgende Nacht bei einem Couchsurfer aus Estland übernachtet, mit dem ich interessante Diskussionen geführt habe. Und ich habe die Hoffnung aufgegeben, jemals ein õ aussprechen zu können.

 

Samstag dann ging es nach Kladow zum VoS. Ich hatte vorher keine direkten Erwartungen an das Seminar, es war eben eins von den vielen Dingen, die vor dem Flug noch auf der To-do-Liste standen. Ich hatte auch zu viel im Kopf, um mir darum Gedanken zu machen. Aber als ich ankam, wusste ich sofort, dass diese Tage etwas besonderes werden. Ich war seit Monaten nicht mehr so glücklich, so ausgelassen und unbeschwert. Vor lauter spannenden Themen, lustigen (und gefährlichen) Volleyball-Partien sowie entspannten Abenden habe ich garnicht gemerkt, wie die Zeit vergeht. Heute morgen hatte ich sowas von keine Lust, nach Hause zu fahren, die anderen bleiben noch bis Montag und ich finde es echt schade, die zweite Seminarhälfte zu verpassen. Aber da ich ja am Mittwoch schon in den Flieger steige (übrigens in genau SECHS Tagen!), bleibt mir nichts anderes übrig, als das Wochenende mit Aufräumen und Renovieren zu verbringen. Und natürlich damit, mich von allen entgültig zu verabschieden. Doch ich habe im letzten Eintrag Recht behalten. Ich kann es kaum erwarten, endlich in Estland zu sein. Den „tristen Alltag“ kann ich getrost hinter mir lassen, ich bin gedanklich noch komplett beim Seminar, der nächste Schritt ist dann die Ausreise. Innerlich habe ich Aachen schon hinter mir gelassen, und deswegen wird es auch Zeit, mich zu verabschieden und endlich zu tun, worauf ich schon seit 3 Jahren hinarbeite.

Ma lähen Eestisse!!

 

Meine Stimmung ist übrigens ganz seltsam im Moment, die Gedanken überschlagen sich und ich kann euch nicht sagen, ob ich glücklich oder traurig bin. Denn für jedes Gefühl habe ich zurzeit einen Grund. Bezeichnen wir es einfach mal als nachdenkliche Vorfreude.

 

Jetzt jedenfalls wird es mal Zeit für ein Schläfchen auf der Rückbank, die Fahrt dauert noch gute zwei Stunden und mein Laptop-Akku ist bald leer. Fühlt euch alle ganz doll gedrückt und schaut mal wieder vorbei, der nächste Eintrag lässt nicht lange auf sich warten.

 

Und passend zu den letzten Tagen verabschiede ich mich nun von euch mit meinem neuen Spitznamen, den ich mir durch meine etwas alternative Spielweise beim Volleyball eingehandelt habe. Ich freue mich über Nachrichten, Kommentare oder auf andere Arten geäußerte Lebenszeichen

 

euer THOR

(auch bekannt als: Lasko - Die Faust Gottes!)

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Tue

10

Jul

2012

Noch 15 Tage!

Langsam kann der Countdown beginnen. Ich zähle die Tage runter und mit jedem Tag wird mir bewusster, was ich da eigentlich tue. Heute war meine beste Freundin hier und weil wir nicht wissen, ob wir uns nochmal sehen, meinte ich scherzhaft: "Bis bald und wenn wir uns nicht mehr sehen, schöne Weihnachten!". Das war nur so dahingesagt, aber da ist mir nochmal klar geworden, dass ich wirklich ein GANZES Jahr weg bin. Ihr Geburtstag, Weihnachten, Silvester, mein Geburtstag, Ostern, ... ich bin wirklich erst im nächsten Sommer wieder hier. Ich verabschiede mich im Moment von immer mehr Leuten und immer wieder wünschen mir Leute eine schöne Zeit. Dabei sind es eigentlich noch zwei Wochen, aber weil ich von Freitag bis Donnerstag in Berlin bin, schrumpft die verbliebene Zeit auf ein paar Tage zusammen. Es ist ein seltsames Gefühl.

Daneben habe ich auch noch alle Hände voll damit zutun, auszuziehen. Bis Donnerstag abend will ich die Wohnung soweit leer haben, dass ich nach Berlin renovieren kann. Und ich muss noch eine ganze Menge ausmisten, einpacken, wegschmeißen, sortieren, ...

Diese Tage bestehen also aus einer Mischung zwischen Vorbereitungen und so vielen Treffen mit Freunden und Verwandten, wie ich noch unterkriege. Dabei ist mir das Fernweh ein bisschen abhanden gekommen, aber ich bin sicher, dass ich spätestens in Berlin anfange, die Tage zu zählen, bis ich endlich in Estland bin, und nicht die Zeit, die mir hier noch bleibt.

 Meine Abschiedsparty am Freitag war übrigens richtig schön! Ich habe mich wirklich über die ganzen Gäste gefreut und wir hatten einen wunderbaren und auch echt lustigen Abend. Mehr Fotos gibts unter "Galerie" zu sehen :)

 

 

 

 

Liebe Grüße und bis bald

Anna

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Mon

02

Jul

2012

Flug gebucht!

So, meine Lieben. Jetzt ist es also offiziell. Mein Flug geht am 25.07. um 14.10Uhr von Düsseldorf nach Riga. Damit bleiben mir noch ganze 23 Tage in Deutschland. In Aachen sind es sogar nurnoch 17 Tage, denn die 6 Tage Berlin gehören ja nicht dazu.

Am Freitag ist meine Abschiedsparty. Ich habe ganz ganz viele Leute eingeladen, mit mir im Park auf einer großen Wiese zu grillen und einen gemütlichen Abend zu verbringen. Ich hoffe, dass es ein würdiger Abschied wird. So um die 50 Gäste kann ich schon erwarten :)

In zwei Wochen bin ich auf dem Vorbereitungsseminar, und dann geht alles ganz schnell... ich weiß auch schon, von wem ich in Riga am Flughafen abgeholt werde, das ist der Wahnsinn, wie schnell die Zeit vergeht! Bald ist das hier tatsächlich ein richtiger Auslandsblog ;) :D

 

Liebe Grüße

Anna

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Sun

10

Jun

2012

Noch 45 Tage!

Bald ist es soweit... ich bin momentan dabei, für meine Wohnung einen Nachmieter zu suchen, auszumisten und die letzten offiziellen Briefe zu verschicken. Die letzten Wochen sind schon ordentlich durchgeplant und ich merke immer öfter, dass nicht mehr viel Zeit bleibt :)

Zusätzlich übe ich mich schon fleißig in estnischer Poesie:

 

Kui kaua pean ma ootama
kuni ma oskan sõidata?
Veel kaks kuud elan Aachenis

siis võin olla lennukis.
Vabatahtlikuna töötan eestimaal

ei lähe koolisse saksamaal
Söön Kohuke eestlasedega
Kas olen rõõmus? Ütlen jah!

Wie lange muss ich warten

bis ich fahren kann?

Noch zwei Monate lebe ich in Aachen

dann darf ich im Flugzeug sein.

Als Freiwillige arbeite ich in Estland

gehe nicht zur Schule in Deutschland

Esse Kohuke mit Esten

Freue ich mich? Ich sage Ja!


 

Liebe Grüße

Anna

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Wed

09

May

2012

Noch 2 1/2 Monate!

Die Zeit verfliegt wirklich wie im Flug! Es ist schon Mitte Mai, in 2 Monaten bin ich fürs Praktikum in Stuttgart und Ende Juli geht es los!

Heute habe ich auch die Einladung für die Vorbereitungtagung in Berlin bekommen. Sie dauert 10 Tage, aber weil ich schon so früh nach Estland fliege, muss ich nur 5 Tage verbindlich teilnehmen. Ansonsten hätte ich nur noch einen Tag in Aachen und das ist definitiv zu kurz. Jetzt ist es zumindest ein Wochenende, welches ich ausnutzen werde, um mich nochmal in Ruhe von allen zu verabschieden und vielleicht findet dann auch die letzte Party statt. Wir werden sehen. Als nächstes wird das Flugticket gebucht und die Wohnung an den Mann (Nachmieter) gebracht. Ist schon ein bisschen seltsam, wie auf einmal alles so konkret und real wird, aber natürlich auch aufregend. Ich habe übrigens auch schon nette Bekanntschaften in Facebook und Skype gemacht, vielleicht schaffe ich es ja noch, meine Sprachkenntnisse ein bisschen zu verbessern.

 

Liebe Grüße

Anna

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Thu

05

Apr

2012

ICH FAHRE NACH ESTLAND!

ENDLICH ENDLICH ENDLICH ist es ganz sicher!! Der Antrag ist angenommen und ich fahre auf jeden Fall! Endlich kann ich mich voll und ganz darauf einlassen, mich freuen und vorbereiten! :)

 

Die Entscheidung scheint ziemlich knapp gewesen zu sein, und es tut mir total leid für Johannah und Stephie, die abgelehnt wurden... irgendwie bin ich die ganze Zeit davon ausgegangen, dass wir entweder alle vier oder garkeiner angenommen wird... warum auch immer, das macht ja garkeinen Sinn. Ein seltsames Gefühl, dass die ausgerechnet mich genommen haben, aber ich freue mich total!

 

Jetzt heißt es Countdown-Parties planen, Flug buchen und Vorfreude genießen :) Naja, und für die Prüfungen lernen, die gibt es ja auch noch xD.

 

Also bis bald und ganz ganz liebe Grüße und frohe Ostern an alle!

Anna

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Fri

03

Feb

2012

Ein TRAUM wird wahr!

Jaja die Überschrift ist schon der Knaller, ich weiß, es geht nämlich wirklich um einen Traum :D

 

Ich hab diese Nacht echt schon teilweise auf estnisch geträumt :-O

Das war ganz seltsam, ich war bei irgendwelchen Leuten Babysitten, und der kleine Sohn konnte voll gut estnisch, vielleicht kamen die von da oder so, jedenfall konnte der auch deutsch und englisch und dann hatte der so ein Kinderbuch auf estnisch, was ich ihm dann abends vorgelesen hab...  als ich aufgewacht bin, war ich voll schockiert :D. Aber das waren nur so Sätze wie "Das ist ein Haus" und so, also nicht spektakulär. Trotzdem...

Sowieso hab ich grade wieder voll den Vorfreudeschub, ich realisier das garnicht richtig, dass ich das jetzt wirklich mache... ich lese die ganze Zeit Blogs von Austauschschülern durch (aber eher so USA und so), und das ist voll das seltsame Gefühl, dass es mir bald auch so geht... ich freue mich unglaublich auf den Sommer :)

Anna

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Tue

31

Jan

2012

Doch nur 1,5 Monate / Vier Deutsche im Dorf!

Heute wird der Antrag für das Projekt bei der Estnischen Nationalagentur gestellt. Anscheinend weiß ich doch schon Mitte März, ob er bewilligt wurde! Das hört sich doch gleich ganz anders an, als April oder Mai. Ich hoffe so sehr, dass das alles klappt! Ich habe aber mal gehört, dass nur 10% der Freiwilligen abgelehnt werden, ist eine kleine Zahl, finde ich :)

Und ich habe vor ein paar Tagen erfahren, wer sonst noch dieses Jahr nach Maarja Küla fährt. Im Dorf arbeiten ab August vier Freiwillige, und zwar nur Deutsche. Normalerweise sind da wenigstens zwei unterschiedliche Nationen vertreten, aber gut. Jedenfalls habe ich mit denen auch schon ein bisschen geschrieben, und die scheinen sehr nett zu sein :) Wir haben vor, alle genau den gleichen Flug zu nehmen, mal sehen ob das klappt. Wär auf jeden Fall cool. Und direkt in den ersten Tagen geht es nach Viljandi, wo vom 26.-29.7. das jährliche Folk Festival stattfindet. Ein entspannter Start also!

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Sun

22

Jan

2012

Letzte Bewerbung fertig!

So, eben habe ich die Bewerbung für das estnische Nationalkommittee fertig gemacht.

Ich kann den Kram nicht mehr sehen, ich hab jetzt in den letzten Monaten... moment... fünf Bewerbungen abgeschickt, alle drei bis acht Seiten lang (inklusive Gesundheitszertifikat, Motivationsschreiben, 2 Referenzen, Begründung der finanziellen Bedürftigkeit und natürlich dieser ganzen Psychofragen, warum genau ICH ins Ausland gehöre, etc) ! Und im Großen und ganzen sind es auch noch immer die gleichen Fragen, aber immer ein kleines bisschen anders formuliert, sodass du nicht das gleiche zweimal benutzen kannst... aber natürlich sind die ganzen Bewerbungen ja auch zu was gut, ich mach das schon gerne, wenn man bedenkt, dass ich dann dafür ein ganzes Jahr nach Estland darf :)

 

Aber trotzdem: Das wars jetzt! Morgen wird der Kram eingeworfen und dann muss ich nichts mehr tun außer zu warten. Keine Formulare mehr für die ganzen nächsten drei Monate!

 

Übrigens freue ich mich grade mal wieder riesig, es sind nämlich nurnoch ziemlich genau sechs Monate! Ich fliege übrigens am 24. oder 25. Juli, stellt euch schonmal drauf ein. ;-)

 

Liebe Grüße

Anna

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Sat

14

Jan

2012

Ich hab ein gutes Gefühl :)

Ich hab jetzt schon total viel über Maarja Küla gehört und gelesen, und es scheint richtig schön dort zu sein! Auch wenn ich mir überlege, wieviel Natur da drumherum ist, und im Winter mit dem Schnee ist das bestimmt wundervoll (zugegeben, bis jetzt war ich noch nicht so der Naturmensch, aber ich glaube da kann man nicht anders :D).

Gestern habe ich mit dem Verantwortlichen für die Freiwilligen dort in Facebook geschrieben und der ist richtig nett! Er hatte mir ein paar Namen von Ex-Freiwilligen gesagt, die ich kontaktieren kann, und dann haben wir uns teilweise sogar schon auf estnisch unterhalten! Naja, nur ein paar Sätze, aber das war trotzdem extrem cool. Hoffentlich wird der Antrag bewilligt !!

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Wed

11

Jan

2012

Noch 6 Monate!

  So, dann mache ich mal den Anfang. Der aktuelle Stand:

Am 05.01. habe ich meine Projektzusage für Maarja Küla bekommen, jetzt wird am 01.02. der Förderantrag bei der estnischen Nationalagentur gestellt. Ob der bewilligt wird, erfahre ich im April oder Mai. Erst dann wird entgültig entschieden, ob ich fahren kann. Bis dahin heißt es: warten!

 

Außerdem ist mir letztens klar geworden, dass der Sommer jetzt doch garnicht mehr so lange hin ist. Bis jetzt hieß es immer: "Nach dem Abitur gehe ich nach Estland", und das hat sich angehört, wie etwas, auf das man noch lange warten muss. Ich weiß noch wie ich erzählt habe, dass ich mich erst in einem Jahr bewerben muss, und dann ging die Zeit plötzlich ziemlich schnell vorbei. Als ich gefragt wurde, ob ich schon Ende Juli kommen könnte, wurde mir klar: Das ist nurnoch ein halbes Jahr!

 

Ich weiß jetzt schon, dass ich euch alle sehr vermissen werde. Aber davor erwarten mich noch zahlreiche tolle Erinnerungen, die ich bestimmt nie vergessen werde.  Also dann: auf schöne Monate im Frühling 2012 und eine wunderbare letzte Zeit in Aachen!

 

Liebe Grüße

Anna

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